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Goethe und Napoleon

Einleitung: Zwei Weltgestalten

Am Vormittag des 2. Oktober 1808 stand im Erfurter Statthalterpalais der bedeutendste Dichter deutscher Sprache dem mächtigsten Mann Europas gegenüber. Johann Wolfgang von Goethe war 59 Jahre alt, Napoleon 39. Das Gespräch dauerte kaum eine Stunde und wurde zu einer der berühmtesten Begegnungen der europäischen Geistesgeschichte.

Die Szene ist aber nur der Höhepunkt einer längeren Beziehung, die Goethe ein Leben lang beschäftigte. Er hatte die Revolution, aus der Napoleon hervorging, von Anfang an abgelehnt und war 1792 mit dem preußischen Heer gegen das revolutionäre Frankreich gezogen. Trotzdem wurde er zum größten deutschen Bewunderer des Kaisers – gerade auch in den Jahren, als ganz Deutschland gegen ihn zu den Waffen griff. Wie passt das zusammen? Dieser Artikel verfolgt Goethes Weg von der Abwehr der Revolution über Valmy und Erfurt bis zu seinen späten Gesprächen über den „dämonischen“ Napoleon.

Goethe und die Französische Revolution

Anders als Klopstock, Herder, Schiller oder der junge Hegel ließ sich Goethe von der Revolution nie mitreißen. Er äußerte sich früh kritisch und blieb bei dieser Haltung (Uni Kiel). Das hatte mit seinem Temperament zu tun, aber auch mit seiner Lage: Seit 1776 war er Minister des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, zuständig für Finanzen, Bergbau, Wegebau und Rekrutierung. Er kannte die Mühen des Regierens aus eigener Anschauung und hielt nichts von Umwälzungen, die alles auf einmal ändern wollten.

Das Haupt der Gorgone

Den Vorboten der Revolution sah Goethe schon in der Halsbandaffäre um Marie Antoinette. „Schon im Jahre 1785 erschreckte mich die Halsbandsgeschichte wie das Haupt der Gorgone“, schrieb er im Rückblick (Uni Kiel). Der Skandal zeigte ihm, wie tief Hof und Monarchie in Frankreich bereits gesunken waren. Er verarbeitete ihn 1791 im Lustspiel Der Groß-Cophta.

Schuld der Regierenden

Wichtig ist: Goethe lehnte die Revolution ab, verteidigte aber nicht das alte Frankreich. Gegenüber Eckermann fasste er am 4. Januar 1824 sein „politisches Glaubensbekenntnis jener Zeit“ zusammen. Er sei „vollkommen überzeugt“ gewesen, „dass irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung“. Zugleich habe er „kein Freund der Französischen Revolution sein“ können, weil ihre Gräuel ihn „täglich und stündlich“ empört hätten, während ihre wohltätigen Folgen damals noch nicht absehbar gewesen seien (Uni Kiel). Ebenso wenig sei er aber ein Freund herrischer Willkür gewesen. Weil er die Revolution hasste, habe man ihn einen „Freund des Bestehenden“ genannt – einen Titel, den er selbst zweideutig fand.

In den Venezianischen Epigrammen von 1790 klingt das schärfer: „Alle Freiheits-Apostel, sie waren mir immer zuwider.“ Und weiter: „Große gingen zu Grunde: doch wer beschützte die Menge / Gegen die Menge?“ (Uni Kiel) Goethes Hauptvorwurf galt der Gewalt und dem Chaos. Er glaubte an allmähliche Entwicklung wie in der Natur, nicht an den Sprung (Lernhelfer).

Die Revolutionsdichtungen

Aus dieser Haltung entstand eine ganze Reihe von Werken, die sich mit der Revolution auseinandersetzen – meist satirisch oder in verfremdeter Form.

Im Lustspiel Der Bürgergeneral (1793) verspottete Goethe die deutschen Nachahmer der Revolution. Ein Dorfbarbier mit Jakobinermütze will ein Bauerndorf aufwiegeln und wird lächerlich gemacht; am Ende stellt ein verständiger Edelmann die Ordnung wieder her: „Nur gelassen! Unzeitige Gebote, unzeitige Strafen bringen erst das Übel hervor.“ (Uni Kiel) Das Stück Die Aufgeregten aus demselben Jahr blieb Fragment; es zeigt bemerkenswerterweise auch berechtigte Klagen der Bauern gegen ihre Herrschaft.

Die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795) lassen eine Gruppe adliger Flüchtlinge vom linken Rheinufer streiten und Geschichten erzählen; gesellige Form und Takt werden zum Gegenmittel gegen den politischen Streit (Lernhelfer). In Hermann und Dorothea (1797), Goethes erfolgreichstem Werk zu Lebzeiten, ziehen Vertriebene aus dem linksrheinischen Gebiet durch eine deutsche Kleinstadt. Das bürgerliche Idyll von Ehe, Haus und Besitz wird hier zum Gegenbild der Umwälzung. Das Trauerspiel Die natürliche Tochter (1803) schließlich, als Trilogie über die Revolution geplant, aber nie vollendet, führt in eine Welt, in der die Ordnung zerfällt: „Hier ist Gewalt! entsetzliche Gewalt.“

Gemeinsam mit Schiller, der die Revolution anfangs begrüßt hatte und sich nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. abwandte, setzte Goethe ab 1794 ein anderes Programm dagegen: die ästhetische Erziehung des Menschen, das Ideal der Antike, die Weimarer Klassik als „Gegenbild zur Revolution“ (Lernhelfer).

Mit dem Heer gegen die Revolution: Valmy und Mainz

Goethe war einer der wenigen deutschen Dichter, die die Revolutionskriege mit eigenen Augen sahen. Im August 1792 begleitete er Herzog Carl August, der als preußischer General ein Regiment führte, auf dem Feldzug der Preußen und Österreicher gegen Frankreich. Ziel war es, Ludwig XVI. wieder in seine Rechte einzusetzen (Princeton University Press).

Die Kanonade von Valmy (20. September 1792)

Der Feldzug, als militärischer Spaziergang nach Paris gedacht, versank in Regen, Schlamm und Ruhr. Bei Valmy in der Champagne trafen die Verbündeten auf die französische Revolutionsarmee. Statt der erwarteten Flucht der „Sansculotten“ gab es eine stundenlange Kanonade, dann stellten die Preußen den Angriff ein und mussten sich bald zurückziehen (Uni Kiel). Goethe ritt während des Gefechts neugierig in die Feuerzone, um das „Kanonenfieber“ an sich selbst zu beobachten – der Naturforscher auch auf dem Schlachtfeld.

Am Abend soll er den niedergeschlagenen Offizieren gesagt haben: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Der Satz ist berühmt, aber mit Vorsicht zu lesen: Goethe schrieb ihn erst rund dreißig Jahre später in der Campagne in Frankreich 1792 nieder, die 1822 erschien. Das Buch ist, wie die Forschung betont, ein Werk der Erinnerung und des historischen Rückblicks (Princeton University Press). Ob Goethe die Bedeutung des Tages wirklich schon damals erkannte oder sie nachträglich hineinlegte, ist offen. Richtig ist sie allemal: Valmy rettete die Revolution, und am Tag danach wurde in Paris die Republik ausgerufen.

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Die Belagerung von Mainz (1793)

Im Frühjahr und Sommer 1793 war Goethe erneut im Feld, diesmal vor Mainz. Die Stadt war im Oktober 1792 von den Franzosen besetzt worden, deutsche Jakobiner hatten dort im März 1793 die „Mainzer Republik“ ausgerufen, die erste Republik auf deutschem Boden. Im Juli 1793 kapitulierte die französische Besatzung nach wochenlanger Beschießung (Uni Kiel).

Beim Abzug der Franzosen erlebte Goethe, wie eine aufgebrachte Menge einen der abziehenden Mainzer Jakobiner lynchen wollte. Er griff ein und verschaffte dem Mann freies Geleit. Seine spätere Rechtfertigung gehört zu seinen meistzitierten Sätzen: „Es liegt nun einmal in meiner Natur: ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung ertragen.“ Der Satz wird oft als Bekenntnis zur Ordnung um jeden Preis gelesen. In der Situation bedeutete er aber das Gegenteil von Rache: Goethe schützte einen politischen Gegner vor der Selbstjustiz des Volkes. Er beschrieb die Szene in der Belagerung von Mainz, die 1822 zusammen mit der Campagne erschien.

Die Erfahrungen von 1792/93 prägten Goethes Bild der Revolution für immer: Er hatte ihre Energie gesehen, die das alte Europa nicht aufhalten konnte, und ihre Gewalt, die er verabscheute.

Vom Ersten Konsul zum Sieger von Jena

Was Goethe an Napoleon anzog, war gerade das, was er an der Revolution vermisste: Ordnung. Der junge General, der 1799 die Macht übernahm und erklärte, die Revolution sei beendet, bändigte in Goethes Augen die Kräfte, die sie entfesselt hatte. Er stellte Rechtssicherheit, Verwaltung und Religionsfrieden wieder her, ohne die Errungenschaften der Revolution ganz aufzugeben.

Hinzu kam die Faszination für den außergewöhnlichen Menschen. Goethe, der in seinen Werken immer wieder große Einzelne gestaltet hatte – Götz, Egmont, Faust –, sah in Napoleon eine Naturkraft, die sich nicht mit gewöhnlichen Maßstäben messen ließ. Dass Napoleon in seiner Jugend den Werther verschlungen hatte und ihn auf den Ägyptenfeldzug mitnahm, wusste Goethe und erfüllte ihn mit Stolz.

Weimar im Oktober 1806

Die Bewunderung wurde 1806 auf eine harte Probe gestellt. Preußen erklärte Frankreich den Krieg, und Herzog Carl August stand als preußischer General auf der falschen Seite. Am 14. Oktober 1806 vernichtete Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee, nur wenige Kilometer von Weimar entfernt. Am Abend strömten französische Soldaten in die Stadt, plünderten und legten Feuer.

Auch Goethes Haus am Frauenplan wurde bedroht. In der Nacht drangen betrunkene Soldaten ein. Christiane Vulpius, seit 1788 Goethes Lebensgefährtin und Mutter seines Sohnes August, stellte sich ihnen entgegen und hielt sie auf, bis der französische Kommandant das Haus unter Schutz stellte (Wikipedia). Marschall Augereau nahm bei Goethe Quartier, und das Haus blieb danach verschont.

Fünf Tage später, am 19. Oktober 1806, heiratete Goethe Christiane in der Sakristei der Jakobskirche (Wikipedia). Achtzehn Jahre lang hatte die Weimarer Gesellschaft die Verbindung mit der ehemaligen Arbeiterin in einer Blumenmanufaktur nicht akzeptiert. Nun, nach einer Nacht, in der alle Ordnung zusammengebrochen war, machte Goethe sie zur rechtmäßigen Ehefrau – die Plünderung durch Napoleons Soldaten hatte ihren Anteil daran.

Der Kaiser im Weimarer Schloss

Am 15. Oktober zog Napoleon selbst ins Weimarer Schloss ein. Herzogin Luise, die in der Stadt geblieben war, trat ihm entgegen und setzte sich mit Würde für ihr Land ein; Napoleon zollte ihr Respekt. Weimar blieb als Staat erhalten, musste aber dem Rheinbund beitreten und eine hohe Kriegskontribution zahlen.

Goethe hielt auch nach dieser Erfahrung an seiner Bewunderung fest. Während die Weimarer Patrioten den Franzosen grollten, sah er in der neuen Ordnung des Rheinbunds eine Chance für Ruhe und Sicherheit. Schon im Sommer 1806 hatte er das Ende des Heiligen Römischen Reiches erstaunlich gleichgültig aufgenommen: Ein Streit zwischen Diener und Kutscher auf dem Bock, notierte er in seinem Tagebuch, habe ihn mehr erregt als die Spaltung des Römischen Reiches.

Erfurt 1808: „Vous êtes un homme!“

Im Herbst 1808 traf sich Napoleon mit Zar Alexander I. in Erfurt, um das Bündnis von Tilsit zu erneuern. Der Erfurter Fürstentag vom 27. September bis 14. Oktober war ein Schaufenster kaiserlicher Macht: Dutzende deutsche Fürsten machten ihre Aufwartung, die Comédie-Française spielte jeden Abend vor einem „Parterre von Königen“. Herzog Carl August holte Goethe nach Erfurt, und am 1. Oktober wohnte der Dichter dem lever des Kaisers bei.

Die Audienz

Am Sonntag, dem 2. Oktober 1808, gegen 11 Uhr wurde Goethe in das Statthalterpalais gerufen. Napoleon saß beim Frühstück an einem großen runden Tisch; neben ihm standen Talleyrand und der Generalintendant Daru (Napoleon.org). Der Kaiser winkte Goethe heran, musterte ihn einen Augenblick und sagte nach der Überlieferung: „Vous êtes un homme!“ – „Sie sind ein Mann!“ In späteren Erzählungen wurde daraus das berühmtere „Voilà un homme!“. Talleyrand, der dabei war, erwähnt den Ausspruch in seinen Erinnerungen nicht (Napoleon.org).

Napoleon fragte nach Goethes Alter. Als dieser sechzig nannte – genau genommen war er 59 –, meinte der Kaiser, er habe sich gut gehalten (Napoleon.org).

Kritik am Werther

Dann kam das Gespräch auf den Werther, den Napoleon nach eigenen Worten siebenmal gelesen hatte. Er bemängelte eine bestimmte Stelle: „Ce n'est pas naturel“ – das sei nicht natürlich. Goethe gab lächelnd zu, dass dort die Wahrheit fehle, verteidigte die Stelle aber: Ein Dichter dürfe zu einem solchen Kunstgriff greifen, um Wirkungen zu erzielen, die er auf natürlichem Weg nicht erreichen könne (Napoleon.org). Welche Stelle gemeint war, verriet Goethe nie. Nach dem Kanzler Friedrich von Müller ging es um die Vermischung von verletztem Ehrgeiz und Liebe als Motive für Werthers Selbstmord.

„Die Politik ist das Schicksal“

Auch über das Theater sprach Napoleon ausführlich. Die Schicksalsdramen lehnte er ab, sie gehörten in eine dunklere Zeit: „Was will man jetzt mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal.“ (Napoleon.org) Talleyrand überliefert außerdem den Satz, eine gute Tragödie sei die würdigste Schule für überlegene Menschen; Goethe müsse unbedingt die französischen Tragödien in Erfurt sehen (Napoleon.org). Der Satz über die Politik hat Goethe nicht mehr losgelassen – er fasste in einer Formel zusammen, wie sehr ein einzelner Mann zum Schicksal eines ganzen Kontinents geworden war.

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Weimar, 6. Oktober 1808

Vier Tage später kam Napoleon mit dem Zaren nach Weimar. Nach einer Jagd auf dem Ettersberg spielte die Comédie-Française im Weimarer Theater Voltaires La Mort de César, danach gab es einen Ball im Schloss. Dort sprach der Kaiser erneut mit Goethe und lange mit dem alten Christoph Martin Wieland, den er den „deutschen Voltaire“ nannte. Wieland sagte danach, ihm sei, als habe er mit einem Mann aus Erz gesprochen (Napoleon.org). Napoleon soll Goethe bei dieser Gelegenheit ermuntert haben, nach Paris zu kommen und eine Cäsar-Tragödie zu schreiben, die Voltaires übertreffe. Goethe tat beides nicht.

Das Kreuz der Ehrenlegion

Am 14. Oktober 1808 erhielten Goethe und Wieland das Kreuz der Ehrenlegion (Napoleon.org). Goethe trug es mit sichtlichem Stolz, auch noch in Jahren, in denen es in Deutschland als Zeichen der Kollaboration galt. Über das Gespräch selbst schwieg er lange in der Öffentlichkeit; eine ausführliche Niederschrift entstand erst spät. Seinem Verleger Cotta gestand er im Dezember 1808, ihm habe in seinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen können, als auf solche Weise vor dem französischen Kaiser zu stehen. Für Goethe war es die Begegnung zweier Herrscher, jeder in seinem Reich.

Die Befreiungskriege: Goethe gegen den Strom

Nach der Katastrophe in Russland 1812 erhob sich Deutschland gegen Napoleon. Dichter wie Ernst Moritz Arndt, Theodor Körner und Friedrich Rückert schrieben Kriegs- und Hasslieder, Studenten und Bildungsbürger meldeten sich zu den Freikorps. Goethe machte nicht mit, und das wurde ihm verdacht wie kaum etwas sonst in seinem Leben.

Ein Huldigungsdichter Napoleons

Noch im Sommer 1812, als die Grande Armée nach Russland marschierte, hatte Goethe in Karlsbad ein Huldigungsgedicht auf die Kaiserin Marie-Louise geschrieben, Napoleons zweite Frau, und darin auch den Kaiser als Friedensbringer gefeiert (Mandelartz). Im Frühjahr 1813, als in Dresden die Begeisterung für die preußisch-russischen Truppen hochkochte, soll er im Haus von Christian Gottfried Körner, dem Vater des Freiheitsdichters Theodor Körner, gesagt haben: „Schüttelt nur an euren Ketten, der Mann ist euch zu groß; ihr werdet sie nicht zerbrechen.“

Auch seinen Sohn hielt er zurück. August von Goethe wollte sich wie viele junge Weimarer den Freiwilligen anschließen; der Vater sorgte dafür, dass er stattdessen im Hofdienst blieb. August trug den Makel, nicht gekämpft zu haben, sein Leben lang.

Im Dezember 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, sprach Goethe mit dem Jenaer Historiker Heinrich Luden, der eine patriotische Zeitschrift gründen wollte. Goethe beklagte dabei das deutsche Volk, „das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist“, und warnte vor übertriebenen Hoffnungen auf eine nationale Wiedergeburt.

„Wie hätte ich die Waffen ergreifen können ohne Hass!“

Seine ausführlichste Rechtfertigung gab Goethe sechzehn Jahre später gegenüber Eckermann (Gespräch vom März 1830). Man warf ihm vor, keine Kriegslieder geschrieben zu haben. „Kriegslieder schreiben und im Zimmer sitzen! – Das wäre meine Art gewesen!“ Bei Theodor Körner, der im Feld fiel, seien sie echt gewesen; bei ihm, der keinen Hass empfand, wären sie „eine Maske gewesen“. Und weiter: „Ich hasste die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los waren. Wie hätte auch ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört?“ Der Nationalhass sei eine eigene Sache: „Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden.“ (Eckermann)

Des Epimenides Erwachen (1815)

Ganz entziehen konnte sich Goethe der Siegesstimmung nicht. Im Mai 1814 bat ihn der Berliner Theaterintendant August Wilhelm Iffland um ein Festspiel zur Feier des Sieges über Napoleon (Mandelartz). Goethe sagte zu und schrieb Des Epimenides Erwachen, das im März 1815 in Berlin aufgeführt wurde – just in den Tagen, als Napoleon von Elba zurückkehrte.

Das Stück ist kein Hurra-Spiel. Goethe löste das Dilemma des Napoleon-Verehrers, der den Sieg über Napoleon feiern soll, durch eine Allegorie: Der Dämon des Krieges, der Dämon der List und der Dämon der Unterdrückung beherrschen die Welt, bis Hoffnung und Tugend sie überwinden. In der Rahmenhandlung steht der kretische Weise Epimenides, der die Ereignisse verschlafen hat und sie nun deutet (Mandelartz). Zeitgenossen lasen das als verschlüsseltes Selbstbekenntnis – Goethe, der die große Zeit verschlafen habe –, und Epimenides spricht tatsächlich die Verse: „Doch schäm ich mich der Ruhestunden; / Mit euch zu leiden war Gewinn.“ Napoleon selbst kommt nicht vor; die Dämonen bleiben namenlos.

Der dämonische Napoleon: Goethes späte Deutung

Nach Waterloo und dem Tod auf St. Helena wurde Napoleon für Goethe vom Zeitgenossen zum Gegenstand der Betrachtung. Er las die Memoiren und Biographien, die nach 1821 in großer Zahl erschienen, und kam in seinen Gesprächen mit Johann Peter Eckermann immer wieder auf ihn zurück.

„Da war Napoleon ein Kerl!“

Am 11. März 1828 sprach Goethe über Produktivität und Genie, und Napoleon war sein Hauptbeispiel. „Da war Napoleon ein Kerl! Immer erleuchtet, immer klar und entschieden“, sagte er, und er sei „einer der produktivsten Menschen“ gewesen, „die je gelebt haben“, ein „Mensch aus Granit“. Mit siebenundzwanzig Jahren sei er „der Abgott einer Nation von dreißig Millionen“ gewesen. Goethe lobte ausdrücklich Napoleons Grundsatz „Dem Talente offene Bahn!“ (Eckermann) – jenes Prinzip, das die Revolution gegen die Geburtsvorrechte des Adels gesetzt hatte und das Napoleon in seiner Armee und Verwaltung verwirklichte.

Zugleich erklärte Goethe Napoleons Sturz. Produktivität höchster Art sei ein Geschenk von oben und „dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut, wie es beliebt“. Hat ein außerordentlicher Mensch aber seine Sendung erfüllt, stellen ihm die Dämonen „ein Bein nach dem andern“, bis er fällt: „So ging es Napoleon und vielen anderen.“ (Eckermann)

Das Dämonische

Der Begriff des Dämonischen ist der Schlüssel zu Goethes spätem Napoleonbild. Er meinte damit keine böse Macht, sondern eine unerklärliche Kraft, die sich weder durch Verstand noch durch Vernunft fassen lässt und manche Menschen über alle anderen erhebt. Als Eckermann am 2. März 1831 meinte, Napoleon scheine „dämonischer Art“ gewesen zu sein, antwortete Goethe: „Er war es durchaus, im höchsten Grade, so dass kaum ein anderer ihm zu vergleichen ist.“ Solche Wesen, fügte er hinzu, hätten die Griechen unter die Halbgötter gerechnet (Eckermann).

Im zwanzigsten Buch von Dichtung und Wahrheit hat Goethe das Dämonische ausführlich beschrieben: Es zeige sich am furchtbarsten, wenn es in einem Menschen überwiegend hervortrete; solche Menschen seien nicht immer die vorzüglichsten an Geist und Talent, aber von ihnen gehe eine ungeheure Kraft aus, und sie seien durch nichts zu überwinden als durch das Universum selbst. Der Name fällt dort nicht, aber jeder Leser wusste, an wen Goethe dachte.

Der fünfte Mai

Als Napoleon am 5. Mai 1821 starb, schrieb der Mailänder Dichter Alessandro Manzoni in drei Tagen seine Ode Il cinque maggio. Die österreichische Zensur verbot den Druck in Mailand; das Gedicht verbreitete sich in Abschriften (Wikipedia). Goethe, der Manzoni schätzte, übertrug die Ode ins Deutsche und veröffentlichte sie 1823 als Der fünfte Mai in seiner Zeitschrift Über Kunst und Alterthum (Wikipedia). Der greise Dichter, der zur Zeit der Befreiungskriege geschwiegen hatte, verbreitete so die Totenklage auf Napoleon in Deutschland – und das in einem Jahrzehnt, in dem die Erinnerung an den Kaiser im Deutschen Bund politisch unerwünscht war.

Bewertung: Was Goethe und Napoleon verband

Goethes Haltung wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Er verabscheute die Revolution und bewunderte ihren Erben, er war Minister eines deutschen Fürsten und trug das Kreuz eines fremden Eroberers, er erlebte die Plünderung seiner Stadt und blieb dem Plünderer treu. Bei näherem Hinsehen ergibt sich aber ein klares Muster.

Ordnung statt Umsturz. Goethe lehnte die Revolution ab, weil sie Gewalt und Chaos brachte, nicht weil er das alte Regime verteidigen wollte. Napoleon war für ihn derjenige, der die Revolution beendete und ihre vernünftigen Ergebnisse – Rechtsgleichheit, offene Laufbahn für Talente, effiziente Verwaltung – in eine stabile Form goss. Darin unterschied sich Goethe von Beethoven, der Napoleon als Vollender der Revolution verehrte und sich mit der Kaiserkrönung abwandte. Goethe störte die Krone nicht; ihn hätte eher eine Fortsetzung der Revolution gestört.

Der Kult des außerordentlichen Menschen. Goethe sah in Napoleon die Verkörperung dessen, was er selbst in der Kunst anstrebte: schöpferische Kraft in ihrer höchsten Form. Das Dämonische verband beide in Goethes Denken, den Feldherrn und den Dichter. In Erfurt begegneten sich zwei Männer, die jeder auf seinem Gebiet als Ausnahmeerscheinung galten, und Goethe empfand es so.

Kultur statt Nation. Goethe dachte in Kategorien von Kultur und Barbarei, nicht von Nationen. Napoleon brachte für ihn französische Kultur und Ordnung, nicht Fremdherrschaft. Der Nationalismus der Befreiungskriege war ihm fremd und unheimlich. Mit der Idee der „Weltliteratur“, die er in den 1820er Jahren entwickelte, setzte er ein Gegenkonzept zum nationalen Denken, das Europa im 19. Jahrhundert beherrschen sollte.

Grenzen der Bewunderung. Blind war Goethe nicht. Er hatte den Preis von Napoleons Kriegen in der eigenen Stadt erlebt und sah das Maßlose, das ihn stürzte. Seine Deutung vom Dämon, der dem Erfolgreichen „ein Bein nach dem andern“ stellt, ist auch eine Warnung vor der Hybris des Einzelnen.

Die Zeitgenossen verziehen ihm diese Haltung nur schwer, das 19. Jahrhundert ignorierte sie meist, um Goethe zum deutschen Nationaldichter zu machen. Heute erscheint sie in anderem Licht: Goethe war ein Europäer in einer Zeit, die sich gerade in Nationen aufspaltete, und Napoleon war für ihn, bei aller Gewalt, ein Versuch, Europa unter einer vernünftigen Ordnung zu vereinen.

Zeitleiste

JahrGoetheRevolution und Napoleon
1749Geburt in Frankfurt am Main (28. August)
1769Geburt Napoleons in Ajaccio (15. August)
1774Die Leiden des jungen Werthers
1776Eintritt in den Weimarer Staatsdienst
1785Erschrecken über die Halsbandaffäre
1788Beginn der Verbindung mit Christiane Vulpius
1789Sturm auf die Bastille (14. Juli)
1791Der Groß-Cophta
1792Teilnahme am Feldzug, Valmy (20. September)Ausrufung der Republik
1793Der Bürgergeneral, Belagerung von MainzHinrichtung Ludwigs XVI., Terreur
1794Beginn der Freundschaft mit SchillerSturz Robespierres
1797Hermann und DorotheaNapoleons Italienfeldzug
1799Staatsstreich, Napoleon Erster Konsul
1803Die natürliche Tochter
1804Kaiserkrönung (2. Dezember)
1806Heirat mit Christiane (19. Oktober)Jena und Auerstedt (14. Oktober), Plünderung Weimars
1808Audienz in Erfurt (2. Oktober), Ehrenlegion (14. Oktober)Erfurter Fürstentag
1812Huldigungsgedicht auf Marie-LouiseRusslandfeldzug
1813Gespräch mit Luden (Dezember)Völkerschlacht bei Leipzig
1815Des Epimenides Erwachen in BerlinHerrschaft der Hundert Tage, Waterloo
1821Tod Napoleons (5. Mai)
1822Campagne in Frankreich, Belagerung von Mainz
1823Übersetzung von Manzonis Der fünfte Mai
1828Gespräch über Napoleon mit Eckermann (11. März)
1832Tod in Weimar (22. März)

Quellen und weiterführende Literatur

Hinweis: Einige Angaben beruhen auf Standardwissen und konnten für diesen Artikel nicht einzeln an Quellen geprüft werden: Goethes Ritt in die Feuerzone bei Valmy, der genaue Wortlaut des Valmy-Satzes und des Mainzer Satzes über Ungerechtigkeit und Unordnung, die Tagebuchnotiz über Kutscher und Reich von 1806, Augereaus Quartier bei Goethe, das Auftreten Herzogin Luises, Napoleons siebenmalige Werther-Lektüre, die Deutung der Werther-Stelle durch Kanzler von Müller, die Einladung nach Paris und die Cäsar-Anregung, der Brief an Cotta vom Dezember 1808, der Ausspruch „Schüttelt nur an euren Ketten“, Augusts Hofdienst, das Luden-Gespräch, das Aufführungsdatum des Epimenides und die zitierten Epimenides-Verse sowie die Paraphrase aus Dichtung und Wahrheit.

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