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Beethoven, die Französische Revolution und Napoleon

Beethoven, die Französische Revolution und Napoleon

Einleitung: Ein Leben im Takt der Umwälzungen

Kein Komponist hat die Epoche der Französischen Revolution und Napoleons so unmittelbar erlebt und so tief in seine Musik aufgenommen wie Ludwig van Beethoven. Er war 18, als die Bastille fiel, 34, als sich Napoleon zum Kaiser krönte, und 50, als der Verbannte auf St. Helena starb. Zweimal stand Napoleons Armee in seiner Wahlheimat Wien, einmal schlug die französische Artillerie nur Straßen von seiner Wohnung entfernt ein.

Sein Verhältnis zu Napoleon war nie einfach. Er schrieb eine Sinfonie „für Bonaparte“ und tilgte dessen Namen dann so heftig, dass ein Loch im Papier blieb. Er verhandelte über eine Stelle am Hof von Napoleons Bruder und feierte wenige Jahre später Napoleons Niederlagen mit Pauken und Kanonendonner. Und im Alter sprach er wieder voller Bewunderung von ihm.

Dieser Artikel verfolgt diese Spannung von den Bonner Anfängen über die großen Werke – Eroica, Fidelio, Wellingtons Sieg – bis zur Neunten Sinfonie und fragt am Ende, was Beethoven eigentlich war: Republikaner, Patriot oder schlicht ein Musiker, der von den Umständen lebte.

Bonner Prägung: Ein Kind der Aufklärung

Beethovens politisches Denken wurzelt in Bonn. Die kurfürstliche Residenz der 1780er Jahre war ein Zentrum der katholischen Aufklärung, und der junge Hofmusiker wuchs mitten in ihren Kreisen auf.

Lehrer, Lesegesellschaft und Zehrgarten

Sein Lehrer Christian Gottlob Neefe war Protestant, Illuminat und führendes Mitglied der 1787 gegründeten Bonner Lesegesellschaft, deren Statuten Rangunterschiede ausschlossen. Beethoven selbst war als Schüler nicht Mitglied, stand ihr aber nahe; rund ein Drittel der Hofmusiker gehörte dazu. Im Gasthaus Zehrgarten, wo sich um 1790 ein Kreis von mindestens 25 Aufklärern traf, verkehrte er regelmäßig (Beethoven-Haus).

Die Revolution erreicht Bonn

Als 1789 die Nachrichten aus Paris kamen, warnte das Protokollbuch der Lesegesellschaft am 1. August vor „aristokratischer Herrschsucht“. Der Franziskaner Eulogius Schneider, seit 1789 Professor an der Bonner Universität, begrüßte die Revolution offen; Beethoven trug sich in die Subskriptionsliste für seine Gedichte ein. Schneider ging später nach Straßburg, wurde radikaler Jakobiner und starb am 1. April 1794 unter der Guillotine (Beethoven-Haus). In diesen Jahren schrieb Beethoven auch Schubarts sozialkritisches Kaplied ab.

Die erste politische Musik

1790 erhielt der 19-Jährige von der Lesegesellschaft den Auftrag für eine Kantate auf den Tod Kaiser Josephs II. Joseph galt den Bonner Aufklärern als Reformkaiser, der Toleranz und Vernunft gegen Aberglauben durchsetzte. Die Kantate feiert ihn als Bezwinger des „Ungeheuers Fanatismus“ – Beethovens erstes Werk mit politischer Botschaft. Aufgeführt wurde sie zu seinen Lebzeiten nicht; Jahrzehnte später verwendete er eine ihrer Melodien im Finale des Fidelio wieder, an der Stelle, wo die Gefangenen befreit werden.

Schon in Bonn fasste Beethoven auch den Plan, Schillers Ode An die Freude zu vertonen. Der Bonner Jurist Bartholomäus Fischenich berichtete Schillers Frau Charlotte im Januar 1793 davon – dreißig Jahre bevor die Ode in der Neunten Sinfonie Gestalt annahm. Als Beethoven im November 1792 nach Wien aufbrach, nahm er diese Ideale mit: Brüderlichkeit, Gleichheit und den Glauben an die Kraft der Vernunft.

Wien in den Revolutionskriegen (1792–1802)

In Wien lebte Beethoven in einer Stadt, die sich als Bollwerk gegen die Revolution verstand. Kaiser Franz II. fürchtete jakobinische Verschwörungen, Polizei und Zensur waren allgegenwärtig – und der junge Pianist suchte seine Gönner ausgerechnet im Hochadel.

Patriotische Gelegenheitswerke

Als Bonapartes Italienarmee 1796/97 auf Österreich vorrückte, wurden in Wien Freiwilligenkorps aufgestellt. Beethoven schrieb dazu zwei Lieder: den Abschiedsgesang an Wiens Bürger (1796) für das Wiener Freikorps und das Kriegslied der Österreicher (1797) mit dem Refrain „Wir sind ein großes deutsches Volk“. Es sind schlichte Gelegenheitswerke – aber sie zeigen, dass Beethovens Sympathie für die Ideale der Revolution ihn nicht daran hinderte, für die Gegenseite zu schreiben.

Ideale ohne Revolution

Was ihn an Frankreich anzog, war weniger die Republik als ihre Musik und ihre Helden. Die französische Revolutionsmusik mit ihren Massenchören, Hymnen und Trauermärschen – Komponisten wie Cherubini, Méhul oder Gossec – prägte seinen Stil nachhaltig; Cherubini schätzte er zeitlebens als größten lebenden Komponisten. Den Terror der Jakobiner lehnte Beethoven dagegen ab. Er hoffte, ein starker Mann werde die Errungenschaften der Revolution in eine stabile Ordnung überführen (Liberty Fund) – und in diesen Jahren sah er diesen Mann in Napoleon Bonaparte.

Die Bernadotte-Legende

Oft erzählt wird, der französische Gesandte in Wien, General Bernadotte, habe Beethoven 1798 angeregt, eine Sinfonie auf Bonaparte zu schreiben. Die Geschichte stammt von Anton Schindler, der Beethoven erst 1822 kennenlernte und als unzuverlässiger Zeuge gilt. Das Beethoven-Haus hält sie deshalb für zweifelhaft (Beethoven-Haus).

Die Eroica: Eine Sinfonie für Bonaparte

Die dritte Sinfonie ist das berühmteste Zeugnis von Beethovens Verhältnis zu Napoleon – und das am meisten von Legenden überwucherte.

Entstehung

Erste Skizzen entstanden vielleicht schon im Herbst 1802, die Hauptarbeit fiel ins Jahr 1803, letzte Änderungen nahm Beethoven Anfang 1804 vor. Die erste Aufführung fand im Frühjahr 1804 im Wiener Palais des Fürsten Lobkowitz statt; ein Eintrag in dessen Rechnungsbuch vom 9. Juni 1804 belegt die Probenkosten (Beethoven-Haus). Mit fast 50 Minuten Spieldauer sprengte das Werk alle bekannten Maßstäbe: ein heroischer Kopfsatz, ein Trauermarsch als zweiter Satz, ein Finale über das Prometheus-Thema – jenen Titanen, der den Menschen das Feuer brachte.

„Geschrieben auf Bonaparte“

Dass Napoleon der Held war, belegen Beethovens eigene Zeugnisse. Auf dem Titelblatt der erhaltenen Abschrift stand ursprünglich der Name Bonaparte, und Beethoven fügte später mit Bleistift hinzu, die Sinfonie sei „auf Bonaparte“ geschrieben. Noch im August 1804 schrieb er seinem Verleger Breitkopf & Härtel, das Werk heiße „eigentlich Bonaparte“ (Beethoven-Haus; GHDI). Zeitweise erwog er sogar, nach Paris zu gehen – eine Bonaparte-Sinfonie wäre dort die ideale Visitenkarte gewesen.

Der zornige Komponist

Die berühmte Szene überliefert Ferdinand Ries, Sohn des Bonner Hofmusikers Franz Anton Ries und Beethovens Schüler in Wien. Als er Beethoven im Mai 1804 die Nachricht brachte, Napoleon habe sich zum Kaiser ausgerufen, sei dieser in Wut geraten: „Ist der auch nicht anders wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize fröhnen.“ Dann habe er das Titelblatt gepackt, durchgerissen und auf den Boden geworfen (Popular Beethoven).

Der Befund des Originals ist nüchterner. Das Titelblatt ist nicht zerrissen, aber der Name wurde so heftig ausradiert, dass ein Loch im Papier entstand (Beethoven-Haus). Und eine Widmung an Napoleon war ohnehin nie möglich: Fürst Lobkowitz hatte das Werk bezahlt und erhielt die Widmung (GHDI). Ries und Schindler neigten zur Zuspitzung – doch der Kern der Geschichte, Beethovens Enttäuschung über den Kaiser Napoleon, wird durch die Ausradierung bestätigt.

Ein Held ohne Namen

Gedruckt wurde das Werk 1806 als Sinfonia eroica, „komponiert, um das Andenken eines großen Mannes zu feiern“. Eine Londoner Partitur von 1809 sprach sogar vom „Tod eines Helden“ (Beethoven-Haus). Der Held war nun eine Idee, kein Mensch mehr – oder, so eine andere Deutung, der 1806 gefallene Prinz Louis Ferdinand von Preußen, ein Bewunderer Beethovens. Die Musik aber blieb, was sie war: der Klang einer Epoche, die an den großen Einzelnen glaubte, der die Welt verändert.

Napoleon in Wien: Fidelio, Bomben und ein Angebot aus Kassel

Zweimal, 1805 und 1809, besetzten Napoleons Truppen Wien. Beethoven erlebte beide Male aus nächster Nähe – und zwischen den Besetzungen hätte er beinahe die Seiten gewechselt.

Leonore vor leeren Rängen (1805)

Ausgerechnet Beethovens einzige Oper hat einen französischen Ursprung. Ihr Stoff stammt von Jean-Nicolas Bouilly, dessen Léonore ou L'amour conjugal 1798 in Paris vertont worden war – eine typische „Rettungsoper“ der Revolutionszeit, in der eine Frau als Mann verkleidet ihren politisch verfolgten Gatten aus dem Kerker eines Tyrannen befreit. Joseph Sonnleithner übertrug den Text für Beethoven ins Deutsche (Beethoven-Haus).

Die Uraufführung am 20. November 1805 im Theater an der Wien stand unter denkbar schlechten Vorzeichen. Eine Woche zuvor, am 13. November, waren französische Truppen in Wien eingerückt; der Adel und mit ihm Beethovens Publikum war geflohen. Im Saal saßen vor allem französische Offiziere, die kein Deutsch verstanden. Die Oper „gefiel nicht“, wie ein Berichterstatter notierte. Zwei Wochen später siegte Napoleon bei Austerlitz (Beethoven-Haus). Eine Freiheitsoper nach französischem Vorbild, gespielt vor den Soldaten des Mannes, dem Beethoven gerade die Widmung entzogen hatte – die Ironie hat kaum ein Historiker ausgelassen.

Das Angebot aus Kassel (1808)

Im Herbst 1808 bot Napoleons jüngster Bruder Jérôme, König des neuen Modellstaats Westphalen, Beethoven die Stelle eines Kapellmeisters am Hof in Kassel an, für 600 Dukaten im Jahr. Beethoven hatte sich offenbar schon für die Annahme entschieden (Beethoven-Haus) – der Republikaner wäre Hofmusiker eines Bonaparte geworden.

Dass es nicht dazu kam, verdankte Wien drei Adligen. Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky schlossen im Frühjahr 1809 einen Vertrag, der Beethoven 4.000 Gulden jährlich zusicherte, wenn er in Wien bliebe. Der Wert schmolz allerdings rasch: Mit dem Staatsbankrott von 1811 wurde das Papiergeld auf ein Fünftel abgewertet, und nur Rudolph zahlte die volle Rente weiter (Beethoven-Haus). So finanzierten die Kosten von Napoleons Kriegen indirekt auch Beethovens Geldsorgen.

Unter den Kanonen (1809)

Im Mai 1809 stand Napoleon erneut vor Wien und ließ die Stadt beschießen. Am 4. Mai hatte Erzherzog Rudolph Wien verlassen; Beethoven widmete ihm daraufhin die Klaviersonate Les Adieux op. 81a mit den Sätzen „Das Lebewohl“, „Die Abwesenheit“ und „Das Wiedersehen“ (Beethoven-Haus). Während des Bombardements flüchtete Beethoven in den Keller seines Bruders und band sich Kissen um den Kopf, um sein ohnehin geschwächtes Gehör zu schützen. Im selben Monat starb sein Lehrer Joseph Haydn (Liberty Fund).

Trotzdem blieb Napoleon für ihn faszinierend. Der französische Baron de Trémont, der Beethoven 1809 besuchte, berichtete: „Die Größe Napoleons beschäftigte ihn, und er sprach oft mit mir darüber.“ Beide sprachen sogar über eine Reise nach Paris. Noch 1810 notierte Beethoven, seine C-Dur-Messe op. 86 könne „vielleicht Napoleon gewidmet“ werden (Popular Beethoven). Und die Besatzung brachte ihm sogar einen Vorteil: Die gelockerte Zensur ermöglichte 1810 seine Musik zu Goethes Freiheitsdrama Egmont.

Befreiungskriege und Wiener Kongress: Der Ruhm des Patrioten

Ausgerechnet der Sturz Napoleons bescherte Beethoven die größten Publikumserfolge seines Lebens. Zwischen 1813 und 1815 war er der gefeierte Tonsetzer der antinapoleonischen Allianz – mit Werken, die heute kaum jemand mehr hört.

Wellingtons Sieg (1813)

Den Anstoß gab Johann Nepomuk Mälzel, der Erfinder des Metronoms. Für sein „Panharmonicon“, einen mechanischen Orchesterautomaten, regte er ein Schlachtengemälde über Wellingtons Sieg bei Vitoria (21. Juni 1813) an, mit dem die Franzosen aus Spanien vertrieben wurden. Beethoven schrieb daraus ein Werk für großes Orchester: Trommeln und Trompeten beider Heere, Kanonenschläge, Rule Britannia gegen Marlborough s'en va-t-en guerre, am Ende ein Fugato über God Save the King.

Die Uraufführung am 8. Dezember 1813 im Saal der Wiener Universität war ein Wohltätigkeitskonzert für die österreichischen und bayerischen Soldaten, die in der Schlacht bei Hanau verwundet worden waren. Im selben Konzert erklang zum ersten Mal die Siebte Sinfonie. Der Erfolg war so groß, dass das Programm wiederholt werden musste; Wellingtons Sieg wurde zum Kassenschlager. Beethoven widmete es dem britischen Prinzregenten, dem späteren Georg IV. (Wikipedia). Mit Mälzel zerstritt er sich anschließend über die Rechte – bis vor Gericht.

Dass derselbe Komponist neun Jahre zuvor eine Sinfonie „auf Bonaparte“ geschrieben hatte, störte niemanden. Beethoven selbst hielt wenig von dem Werk; verteidigt hat er es mit dem Satz, was er da gemacht habe, sei jedenfalls besser als das, was seine Kritiker könnten.

Fidelio wird ein Erfolg (1814)

Im Frühjahr 1814, nach dem Einzug der Alliierten in Paris, kehrte auch die Oper zurück. Georg Friedrich Treitschke überarbeitete das Libretto gründlich, Beethoven schrieb große Teile neu, darunter die Ouvertüre. Am 23. Mai 1814 hatte Fidelio im Kärntnertortheater Premiere und wurde diesmal gefeiert (Beethoven-Haus). Der politische Ton hatte sich verschoben: Was 1805 als Freiheitsoper im Geist der Revolution gedacht war, hörte das Wiener Publikum 1814 als Gleichnis auf die Befreiung von Napoleon. Der Minister, der am Ende den Tyrannen Pizarro entmachtet und die Gefangenen befreit, war nun ein guter Fürst – kein Revolutionär.

In denselben Monaten entstanden patriotische Gelegenheitsstücke, etwa der Chor Germania für ein Singspiel, das den Fall von Paris feierte, und 1815 nach Waterloo der Schlusschor Es ist vollbracht.

Der glorreiche Augenblick (1814)

Höhepunkt dieser Phase war der Wiener Kongress. Am 29. November 1814 dirigierte Beethoven im großen Redoutensaal vor den versammelten Monarchen Europas ein Konzert mit der Siebten Sinfonie, Wellingtons Sieg und einer eigens komponierten Kantate: Der glorreiche Augenblick op. 136 auf einen Text des Salzburger Arztes Alois Weissenbach (Wikipedia). Die Kantate huldigt den Fürsten, die Europa vom „Tyrannen“ befreit hatten, und der Stadt Wien als Gastgeberin.

Beethoven stand auf dem Gipfel seiner Popularität, wurde von der russischen Zarin empfangen und verdiente so gut wie nie zuvor. Die Kantate selbst ist musikalisch wenig mehr als ein Pflichtstück. Sie zeigt aber, wie sehr der Bonner Hofmusikersohn inzwischen in der habsburgischen Welt angekommen war – und wie nah sich patriotische Begeisterung und geschäftliche Gelegenheit bei ihm kamen.

Nach Napoleon: Restauration, Zensur und die Neunte

Der Ruhm des Kongressjahres verflog schnell. Das Europa, das in Wien neu geordnet wurde, war eines der Fürsten, nicht der Freiheit, und Beethoven, inzwischen fast völlig taub, zog sich zurück.

Im System Metternich

Nach 1815 baute Staatskanzler Metternich in Österreich ein dichtes Netz aus Zensur, Polizeiaufsicht und Spitzeln auf; die Karlsbader Beschlüsse von 1819 übertrugen es auf den ganzen Deutschen Bund. Beethoven, der Josephiner aus Bonn, machte daraus keinen Hehl. Seine Konversationshefte, in die Besucher wegen seiner Taubheit ihre Hälfte des Gesprächs schrieben, sind voller bissiger Bemerkungen über Regierung, Adel und Polizei. Manche Gesprächspartner ermahnten ihn schriftlich zur Vorsicht, weil im Wirtshaus Spitzel mithörten. Verfolgt wurde er nie – seine Berühmtheit und seine Taubheit schützten ihn, und vermutlich hielt ihn die Polizei für einen harmlosen Sonderling.

Auch sein Napoleonbild wandelte sich. Aus der Ferne und im Vergleich mit den Restaurationsregierungen erschien der Kaiser in milderem Licht. Späte Bemerkungen, die sein Schüler Carl Czerny und andere überliefern, deuten an, dass Beethoven Napoleon nun eher als Erben der Revolution sah, der wenigstens Talente gefördert und alte Privilegien beseitigt hatte.

Der Tod auf St. Helena (1821)

Als Napoleon am 5. Mai 1821 auf St. Helena starb, soll Beethoven gesagt haben, er habe die Musik zu dieser Katastrophe längst geschrieben – gemeint war der Trauermarsch der Eroica. Die Bemerkung überliefert Anton Schindler, dessen Angaben oft unzuverlässig sind; als Pointe fügt sie sich aber zu gut in das Bild, um nicht immer wieder zitiert zu werden.

Die Neunte (1824)

Am 7. Mai 1824 wurde im Kärntnertortheater die Neunte Sinfonie uraufgeführt. Mit ihr löste Beethoven ein Vorhaben ein, das er seit der Bonner Zeit verfolgte: die Vertonung von Schillers An die Freude. Das Gedicht stammt von 1785, aus der Vorrevolution, und Beethoven nutzte die von Schiller 1803 überarbeitete Fassung. Dabei war eine der politischsten Zeilen bereits verändert: Aus „Bettler werden Fürstenbrüder“ war „Alle Menschen werden Brüder“ geworden.

Die verbreitete Legende, Schiller habe eigentlich eine „Ode an die Freiheit“ geschrieben und nur aus Furcht vor der Zensur „Freude“ gesetzt, ist unbegründet; Belege dafür gibt es nicht (Wikipedia). Dass sie sich so hartnäckig hält, zeigt aber, wie sehr man das Werk als Bekenntnis zur Brüderlichkeit aller Menschen hört – als späten Nachhall der Ideale von 1789, gesungen mitten in der Restauration.

Beethoven starb am 26. März 1827 in Wien. Zehntausende folgten seinem Sarg; die Grabrede schrieb Franz Grillparzer.

Bewertung: Republikaner, Patriot oder Opportunist?

Wer Beethovens Verhältnis zur Revolution und zu Napoleon auf eine Formel bringen will, stößt auf Widersprüche. Derselbe Mann schrieb eine Sinfonie für Bonaparte und ein Schlachtengemälde für dessen Bezwinger, verachtete den Adel und lebte von adligen Gönnern, schimpfte auf den Kaiser und wollte nach Paris. Drei Deutungen haben sich herausgebildet, und jede hat ihr Recht.

Die erste sieht in Beethoven den überzeugten Republikaner. Dafür sprechen seine Bonner Prägung durch Aufklärung, Lesegesellschaft und Universität, sein lebenslanges Bekenntnis zu Schiller, die Eroica als Huldigung an den Konsul der Republik, Fidelio als Oper der Freiheit und die Neunte als Hymne der Brüderlichkeit. Seine Wut über die Kaiserkrönung ergibt nur Sinn, wenn er in Napoleon zuvor einen Vollender der Revolution gesehen hatte.

Die zweite betont den Patrioten: den Untertanen des Kaisers Franz, der 1796/97 Kriegslieder für Wien schrieb, 1809 unter französischen Kanonen saß und 1813–15 mit Hingabe die Befreiung feierte. Nach dem Sieg Napoleons bei Jena 1806 soll er gesagt haben: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe wie die Tonkunst, ich würde ihn doch besiegen!“

Die dritte nennt ihn einen Opportunisten oder, freundlicher, einen Pragmatiker, der als freier Künstler ohne festes Amt von Aufträgen, Widmungen und Konzerten leben musste. Eine Sinfonie für Paris, ein Kapellmeisteramt bei Jérôme, eine Kantate für den Kongress – Beethoven schrieb, was gerade gefragt war und was Geld brachte.

Am überzeugendsten ist wohl eine Verbindung aller drei. Beethovens Treue galt nicht einer Staatsform und schon gar nicht einer Person, sondern Ideen: der Würde des Einzelnen, der Freiheit von Willkür, dem Ruhm des schaffenden Genies. Napoleon verkörperte diese Ideen eine Zeitlang und verriet sie dann; die Fürsten der Restauration verkörperten sie nie. In diesem Sinn blieb Beethoven, was er in Bonn geworden war: ein Kind der rheinischen Aufklärung, das die Revolution von außen erlebte und ihre Hoffnungen in Musik verwandelte.

Die Nachwelt hat genau diese Hoffnungen in ihm gehört. Die Eroica wurde zum Inbegriff des heroischen Stils, Fidelio wurde nach 1945 vielerorts zur Eröffnung zerstörter Opernhäuser gespielt, und Leonard Bernstein ließ im Dezember 1989 nach dem Fall der Mauer in Berlin „Freiheit“ statt „Freude“ singen. Seit 1972 ist das Hauptthema des Finales die Hymne des Europarats, seit 1985 die der Europäischen Gemeinschaft und heutigen Union. So ist die Musik des Bonners, der Napoleon erst feierte und dann verfluchte, zum Klang eines geeinten Europas geworden, das Napoleon mit Gewalt erzwingen wollte.

Zeitleiste

JahrBeethovenRevolution und Napoleon
1770Geburt in Bonn (getauft 17. Dezember)
1789Immatrikulation an der Universität BonnSturm auf die Bastille (14. Juli)
1790Joseph-Kantate WoO 87Tod Kaiser Josephs II.
1792Übersiedlung nach Wien (November)Beginn der Revolutionskriege
1794Französische Truppen besetzen Bonn (Oktober)
1796/97Kriegslieder für die Wiener FreiwilligenNapoleons Italienfeldzug
1799Staatsstreich, Napoleon Erster Konsul
1802–1804Arbeit an der Dritten SinfonieNapoleon Konsul auf Lebenszeit (1802)
1804Ausradierung des Namens „Bonaparte“Kaiserkrönung (2. Dezember)
1805Leonore-Uraufführung (20. November)Besetzung Wiens (13. November), Austerlitz (2. Dezember)
1806Druck der Sinfonia eroicaEnde des Heiligen Römischen Reiches, Jena und Auerstädt
1808Angebot Jérômes aus Kassel
1809Rentenvertrag mit drei Adligen, Les AdieuxBeschießung und zweite Besetzung Wiens
1810Musik zu EgmontHeirat Napoleons mit Marie-Louise
1813Wellingtons Sieg und Siebte Sinfonie (8. Dezember)Völkerschlacht bei Leipzig
1814Fidelio (23. Mai), Der glorreiche Augenblick (29. November)Abdankung, Wiener Kongress
1815Waterloo, Verbannung nach St. Helena
1821Tod Napoleons (5. Mai)
1824Uraufführung der Neunten (7. Mai)
1827Tod in Wien (26. März)

Quellen und weiterführende Literatur

Hinweis: Einige Angaben beruhen auf Standardwissen und konnten für diesen Artikel nicht einzeln an Quellen geprüft werden: die Kriegslieder WoO 121 und 122, Fischenichs Brief an Charlotte von Schiller von 1793, die Wiederverwendung einer Melodie der Joseph-Kantate im Fidelio, Details der Subskriptionsliste für Eulogius Schneider, Beethovens Wertschätzung Cherubinis, die Kissen-Anekdote von 1809, Beethovens Verteidigung von Wellingtons Sieg, der Empfang durch die Zarin, die späten Bemerkungen gegenüber Czerny, der Ausspruch nach Jena (überliefert durch Wenzel Krumpholz) und die Trauermarsch-Bemerkung von 1821 (überliefert durch Schindler). Die Anekdoten von Ries und Schindler sind generell mit Vorsicht zu lesen.

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