Bonn vor, während und nach der Franzosenzeit (ca. 1780–1830)
Einleitung: Eine Residenzstadt verliert ihren Hof
In nur einer Generation wandelte sich Bonn dreimal grundlegend: von der glanzvollen Residenz der Kölner Kurfürsten zur französischen Provinzstadt und schließlich zur preußischen Universitätsstadt. Den Wendepunkt markiert der 8. Oktober 1794, als französische Revolutionstruppen einrückten und der Hof für immer verschwand.
Seit dem späten 17. Jahrhundert war Bonn prachtvoll ausgebaute Residenz der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln. Die Stadt lebte vom Hof. Beamte, Hofmusiker, Handwerker, Händler und Dienstboten bildeten ihr wirtschaftliches Rückgrat, während es eine eigene Industrie oder einen nennenswerten Fernhandel kaum gab.
Wie sich diese Hofstadt in den folgenden Jahrzehnten wandelte – von der aufgeklärten Blüte der 1780er Jahre über zwanzig Jahre französischer Herrschaft bis zum preußischen Neubeginn –, verfolgt dieser Bericht in drei chronologischen Kapiteln.
Darauf folgen ein Blick auf das Stadtbild und die Presse, Porträts Bonner Köpfe und berühmter Gäste, Geschichten aus Bonn und Beuel samt den Anfängen des Karnevals und schließlich die Frage, was von der Franzosenzeit bis heute sichtbar geblieben ist.
Bonn vor der Revolution: Residenz der Aufklärung (bis 1789)
Unter den letzten beiden Kurfürsten wurde Bonn zu einem der lebendigsten Orte der katholischen Aufklärung in Deutschland.
Die letzten Kurfürsten
Die Reformen begannen schon unter Max Friedrich von Königsegg-Rothenfels, der von 1761 bis 1784 regierte und mit seinem Minister Belderbusch Verwaltung und Schulwesen modernisierte. Sein Nachfolger Max Franz von Österreich, Kurfürst von 1784 bis 1801, war der jüngste Sohn Maria Theresias und Bruder Kaiser Josephs II. (KuLaDig). Er führte einen sparsamen Hof, der sich an den Idealen der Aufklärung orientierte, und setzte auf Kirchenreform, Bildung und Wohlfahrt. Max Franz verstand sich als „erster Diener seines Staates“, spazierte oft in schlichter Kleidung durch die kurfürstlichen Alleen und wohnte lieber im bürgerlichen Mastiaux'schen Haus als im großen Schloss (KuLaDig).
Akademie und Universität
Sichtbarstes Zeichen dieses Kurses war die Hochschule. Unter Max Friedrich entstand in den 1770er Jahren die sogenannte Maxische Akademie, die 1784 das kaiserliche Privileg einer Universität erhielt und 1786 unter Max Franz feierlich eröffnet wurde (Universität Bonn). Sie verstand sich als katholische Reformuniversität und als bewusster Gegenpol zur konservativen alten Universität im benachbarten Köln.
Lesegesellschaft und aufgeklärte Öffentlichkeit
Neben dem Hof entstand eine bürgerliche Öffentlichkeit. 1787 gründeten 35 Bürger mit ausdrücklicher Billigung des Kurfürsten die Bonner Lesegesellschaft, deren Statuten Rangunterschiede ausschlossen; 1790 nahm sie mit Wolff Jakob Wolff ihr erstes jüdisches Mitglied auf (Beethoven-Haus). Zu ihren führenden Köpfen gehörten Hofmusiker wie Christian Gottlob Neefe und Franz Anton Ries, der spätere Musikverleger Nikolaus Simrock und der Arzt Franz Gerhard Wegeler. Die „Lese“ besteht bis heute.
Geselliger ging es im Gasthaus Zehrgarten am Markt zu. Um 1790 traf sich dort ein Kreis von mindestens 25 Männern, und Zeitgenossen nannten das Haus den „Mittelpunkt alles geistigen und geselligen Vergnügens in Bonn“.
Hofmusik und der junge Beethoven
In dieser Welt wuchs Beethoven auf. 1770 in Bonn geboren, wurde er Hoforganist und spielte Bratsche in der Hofkapelle, während sein Lehrer Neefe ihn mit Bach und den Ideen der Aufklärung vertraut machte. 1790 komponierte er im Auftrag der Lesegesellschaft eine Kantate auf den Tod Josephs II., und am 26. Dezember desselben Jahres machte Joseph Haydn auf der Durchreise in Bonn Station. Als Max Franz 1791 mit 25 Hofmusikern nach Mergentheim reiste, war auch Beethoven dabei.
Stadt und Gesellschaft
Die erste vollständige Zählung von 1790 ergab 10.487 Einwohner in 2.668 Haushalten. Ihren Höchststand von mehr als 13.000 Menschen hatte die Stadt schon in den 1750er Jahren unter dem prachtliebenden Clemens August erreicht; der sparsamere Hof seiner Nachfolger beschäftigte weniger Personal (Rheinische Geschichte). Ein großer Teil der Bonner hing direkt oder indirekt vom Hof ab; daneben prägten Klöster, Stifte und das Münsterstift das Leben der Stadt. Diese Abhängigkeit war Bonns Stärke – und sollte sich 1794 als seine größte Schwäche erweisen.
Die Revolutionsjahre: Sympathie, Angst und Flucht (1789–1794)
Die Nachricht vom Sturm auf die Bastille fiel in Bonn auf fruchtbaren Boden: Die aufgeklärten Kreise begrüßten sie zunächst. Doch je radikaler die Revolution wurde und je näher der Krieg rückte, desto stärker überwogen Angst und Abwehr.
Erste Reaktionen
Schon am 1. August 1789 warnte eine Notiz im Protokollbuch der Lesegesellschaft vor „aristokratischer Herrschsucht“ (Beethoven-Haus). Am deutlichsten bekannte sich der Franziskaner Eulogius Schneider zur Revolution, der seit 1789 an der Bonner Universität lehrte. Seine Schriften lösten 1790 öffentliche Kritik aus, und er wurde aus dem Unterricht entfernt. Schneider ging nach Straßburg, wurde dort zum radikalen Jakobiner und endete am 1. April 1794 in Paris unter der Guillotine. Wie sehr solche Ideen auch Beethovens Umfeld beschäftigten, zeigt seine Abschrift von Schubarts sozialkritischem Kaplied aus diesen Jahren.
Emigranten und Kriegsangst
Ab 1790 strömten französische Adlige und Geistliche ins Rheinland, die vor der Revolution geflohen waren. Ihr Hauptquartier wurde das nahe Koblenz, wo der Trierer Kurfürst sie großzügig aufnahm. Max Franz dagegen wollte sie in Bonn nicht haben: Er lehnte Revolutionäre ebenso ab wie die Flüchtlinge, denen er eine Mitschuld an der Revolution gab (Beethoven-Serie). Mit dem Kriegsbeginn im April 1792 lag das Kurfürstentum Köln dennoch plötzlich an der Front, und im Herbst 1792 besetzten französische Truppen Mainz. In diesem unruhigen Herbst, Anfang November 1792, verließ Beethoven die Stadt, um in Wien bei Haydn zu studieren – er sollte nie zurückkehren.
Das Ende des Kurstaats
Nach dem französischen Sieg bei Fleurus im Juni 1794 brach die Verteidigung der österreichischen Niederlande zusammen, und die Revolutionsarmeen rückten an den Rhein. In Bonn begann der Abschied: Archiv, Bibliothek und wertvolles Mobiliar wurden nach Westfalen gebracht, der Adel verließ die Stadt, und Recklinghausen wurde zum vorläufigen Regierungssitz bestimmt. Am 3. Oktober 1794 segnete Max Franz von der Rathaustreppe aus ein letztes Mal die Bürger und verließ dann Bonn über den Rhein (KuLaDig). Fünf Tage später, am 8. Oktober, ritten französische Dragoner in die verwaiste Residenz ein (KuLaDig). Damit endete die jahrhundertelange Geschichte Bonns als Residenzstadt. Max Franz starb am 26. Juli 1801 in Hetzendorf bei Wien, ohne seine Hauptstadt wiedergesehen zu haben.
Die französische Zeit (1794–1814)
Zwanzig Jahre lang war Bonn französisch – erst besetzt, dann annektiert. Die Stadt verlor ihren Hof, ihre Universität und einen Teil ihrer Bevölkerung, gewann aber eine moderne Verwaltung, das gleiche Recht für alle und ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein.
Von der Besatzung zur Annexion
Die ersten Jahre standen im Zeichen der Militärbesatzung. Die Truppen lebten aus dem Land, und Kontributionen, Requisitionen und Einquartierungen belasteten die Stadt schwer. 1797/98 ordneten die Franzosen das linke Rheinufer neu und gliederten es in vier Departements. Bonn wurde Sitz eines Arrondissements im Rhein-Mosel-Departement mit der Hauptstadt Koblenz; zum Bezirk gehörten neben zwei Bonner Kantonen auch Adenau, Ahrweiler, Remagen, Rheinbach, Ulmen, Virneburg und Wehr (Wikipedia). Endgültig wurde die Lage 1801: Im Frieden von Lunéville trat das Reich das linke Rheinufer an Frankreich ab, und mit dem Tod von Max Franz im selben Jahr schwand jede Hoffnung auf eine Rückkehr zum alten Zustand (KuLaDig).
Revolutionäre Symbolik
Die neuen Herren setzten ihre Ideen auch sichtbar in Szene. Aus dem Hofgarten wurde der Nationalgarten, und dort feierten die Franzosen 1798 ein „Fest der Volkssouveränität“, bei dem kurfürstliche Insignien auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Die Schlosskirche diente erst als Magazin, dann als „Tempel der Vernunft“ und erst ab 1806 wieder als Gotteshaus. Die Marienfigur Regina pacis überstand dagegen sogar einen Versuch, sie zu entfernen.
Neue Ordnung: Verwaltung, Schule, Recht
An die Spitze der Stadt trat nun ein Maire. Auf Johann Joseph Eichhoff (1800–1802) und den kommissarisch amtierenden Nicolas Joseph Lejeune (1802–1804) folgte 1804 Anton Graf von Belderbusch, der das Amt bis 1816 behielt (Wikipedia). Die kurfürstliche Universität dagegen hoben die Franzosen schon 1798 auf; an ihre Stelle traten eine Zentralschule und später ein Lyzeum, das einzige im ganzen Rhein-Mosel-Departement (Rheinische Geschichte; Universität Bonn).
Noch tiefer griff das neue Recht. Ab 1798 führte die Stadt Zivilstandsregister, ab 1804 galt der Code civil, und Adel, Geistlichkeit und Bürger waren nun vor dem Gesetz gleich.
Kirchen, Juden und Protestanten
Für die katholische Kirche brachte die Franzosenzeit den tiefsten Einschnitt seit Jahrhunderten. Nach dem Konkordat von 1801 wurde das Rheinland kirchlich neu geordnet: Bonn gehörte nun nicht mehr zum Erzbistum Köln, sondern zum neu geschaffenen Bistum Aachen, das die Departements Roer und Rhein-Mosel umfasste (Rheinische Geschichte). Erst 1821 wurde es wieder aufgelöst und sein Gebiet dem Erzbistum Köln zurückgegeben (Wikipedia). Mit der Säkularisation von 1802 wurden zudem fast alle Klöster und Stifte aufgehoben und ihr Besitz verkauft – vor allem an das gehobene Bürgertum. Für eine Stadt, deren geistliche Einrichtungen eng mit dem Hof verflochten waren, war das ein großer Einschnitt.
Gewinner der neuen Ordnung waren die religiösen Minderheiten. Seit 1716 lebten die Bonner Juden in einer verschließbaren Judengasse am Rhein, abgeriegelt durch hölzerne Tore; 1773 standen dort 19 genehmigte Häuser. Mit der französischen Besetzung erhielten sie die vollen Bürgerrechte. Bei einem Freiheitsumzug cisrhenanischer Republikaner, je nach Überlieferung 1797 oder 1798, zerschlugen die Teilnehmer die Tore des Ghettos – Juden und Christen zogen gemeinsam durch die Gasse. 1811 wurde das jüdische Konsistorium für das Rhein-Mosel-Departement nach Bonn verlegt (Universität Bonn). Einen Rückschlag brachte allerdings Napoleons „Schändliches Dekret“ von 1808, das jüdische Geschäfte beschränkte und feste Familiennamen erzwang.
Eine Bonner Besonderheit zeigt, wie die neue Grenze am Rhein selbst die Toten betraf: Der jüdische Friedhof lag seit dem 17. Jahrhundert in Schwarzrheindorf auf der rechten Rheinseite. Weil es keine Brücke gab, setzten Trauerzüge mit kleinen Booten über – in der Franzosenzeit also über eine Staatsgrenze. 1818 erwarb die Gemeinde das Gelände offiziell.
Auch Protestanten erhielten 1802 volle Religionsfreiheit, standen aber unter strenger Staatsaufsicht. Eine nennenswerte evangelische Gemeinde entstand in Bonn erst mit Preußen: Friedrich Wilhelm III. überließ ihr nach 1815 die ehemalige Schlosskirche.
Ein Bonner Scheidungsfall: Belderbusch und Babette Koch
Wie weit das neue Recht in das Privatleben hineinreichte, zeigt das Beispiel des Maire selbst. 1781 hatte Belderbusch Anna Maria Freiin von Wambold zu Umstadt geheiratet. Als er 1795 nach Bonn zurückkehrte, blieb sie im Ausland, lebte dort mit Karl August von Liechtenstein zusammen und heiratete ihn später (Rheinische Geschichte). Unter dem alten kirchlichen Eherecht wäre Belderbusch an diese Ehe gebunden geblieben. Das französische Scheidungsrecht, das mit dem Zivilstand ins Rheinland gekommen war, erlaubte ihm 1802 die offizielle Scheidung.
Noch im selben Jahr heiratete er Anna Barbara, genannt Babette, Koch (1771–1807), eine Bonner Bürgertochter aus einfachen Verhältnissen. Um 1790 war sie die Seele des Zehrgartenkreises um den jungen Beethoven gewesen (Deutsche Biographie). Dass ein Reichsgraf eine Wirtstochter heiratete, spiegelt auch die neue Gleichheit vor dem Gesetz. Wie eng der Bonner Maire inzwischen an das neue Regime gebunden war, zeigte sich zwei Jahre später: Für die am 30. September 1804 geborene Tochter übernahm Kaiserin Joséphine mit Napoleons Einverständnis die Patenschaft. Das Glück währte nicht lange – Babette starb am 25. November 1807 im Kindbett ihres vierten Kindes.
Die ZDF-Dokumentation Napoleon und die Deutschen (2006) erzählt diese Geschichte in ihrer ersten Folge als Beispiel dafür, wie die Revolution das Leben im katholischen Rheinland veränderte. Es war eine der frühesten und bekanntesten Scheidungen nach französischem Recht in Bonn; dass es die allererste war, lässt sich nicht belegen.
Alltag in der Krise
Für die meisten Bonner bedeutete die Franzosenzeit vor allem Not. Mit dem Hof hatte die Stadt ihre wirtschaftliche Grundlage verloren. Schon 1795 standen über 100 der rund 1.125 Häuser leer, fast jedes zehnte (Rheinische Geschichte), und ein Reisender beschrieb Bonn um 1800 als „todter stiller Ort“ (KuLaDig).
Die Kurve zeigt, wie tief der Einschnitt war: Erst mit der preußischen Universität wuchs Bonn wieder über seinen Stand der 1780er Jahre hinaus (Einwohnerentwicklung von Bonn). Wehrpflicht für Napoleons Armeen, hohe Steuern und die Kontinentalsperre kamen hinzu. Zugleich eröffneten Gewerbefreiheit und der Verkauf von Kirchengut Kaufleuten und Handwerkern neue Chancen – die Grundlage für ein selbstbewussteres Bürgertum.
Napoleon in Bonn
Am 6. November 1811 kam Napoleon auf einer Inspektionsreise von Düsseldorf nach Bonn. Er sollte entscheiden, ob Bonn oder Köln zur Großfestung ausgebaut werden sollte. Seine Ingenieure hatten ein Jahr lang Pläne ausgearbeitet: ein Lager für 60.000 Mann auf der Beueler Seite, eine Zitadelle auf dem Ennert und Batterien auf dem Finkenberg. Um 11 Uhr setzte der Kaiser mit der Gierponte nach Combahn über, wo ihn der dortige Bürgermeister Stroof empfing, und ritt mit großem Gefolge auf den Finkenberg (Denkmalverein Bonn). Gebaut wurde die Festung nie. In Bonn übernachtete Napoleon nicht im Schloss, sondern in einem Adelshof.
Das Ende
Nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 brach die französische Herrschaft am Rhein zusammen. Am 14. Januar 1814 zogen die letzten Franzosen aus Bonn ab. Drei Tage später, am 17. Januar, rückten preußische Truppen ein, begleitet von Kosaken und einem ostpreußischen Jägerbataillon. Die Freude über die „Befreier“ hielt sich in Grenzen: Viele Bonner empfanden ihr Auftreten als Besatzung, denn die Soldaten führten sich auf „wie Sieger in einer eroberten Provinz“ (Wikipedia).
Nach Napoleon: Bonn wird preußisch und Universitätsstadt (ab 1814)
Preußen gab Bonn, was die Franzosen genommen hatten, in neuer Form zurück: keinen Hof, aber eine Universität. Mit ihrer Gründung 1818 begann der zweite Aufstieg der Stadt.
Übergang und Wiener Kongress
Nach dem Abzug der Franzosen verwalteten die Alliierten das Rheinland zunächst provisorisch. Der Wiener Kongress sprach es 1815 Preußen zu, und Bonn wurde Teil der neuen Rheinprovinz (KuLaDig). Für viele Bonner war das ein Kulturbruch: Die katholische, rheinische und inzwischen französisch geprägte Stadt gehörte nun zu einem protestantischen Staat mit Hauptstadt im fernen Berlin.
Es gab aber auch Kontinuität. Graf Belderbusch blieb als Oberbürgermeister und später als Landrat im Amt, und das sogenannte Rheinische Recht – mit Code civil, Notariat und Geschworenengerichten – galt bis 1900 weiter.
Die Gründung der Universität
Schon am 5. April 1815, noch während des Kongresses, kündigte Friedrich Wilhelm III. aus Wien die Gründung einer Universität im Rheinland an (Universität Bonn). Dass die Wahl auf Bonn und nicht auf das größere Köln fiel, lag auch daran, dass sich hier leichter eine konfessionell paritätische Hochschule aufbauen ließ (KuLaDig); Belderbusch hatte sich zudem nachdrücklich für seine Stadt eingesetzt (Deutsche Biographie).
Am 18. Oktober 1818, dem fünften Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, unterzeichnete der König die Gründungsurkunde der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Katholische und evangelische Theologie, Medizin, Jura und Philosophie vereinte sie unter einem Dach.
Neue Professoren, neuer Geist
Zu den ersten Lehrenden gehörten August Wilhelm Schlegel, Ernst Moritz Arndt, Barthold Georg Niebuhr und später der Astronom Friedrich Argelander. Ausgerechnet Arndt, der Wortführer des antinapoleonischen Nationalismus, erhielt im Zuge der Demagogenverfolgung kurz nach Lehrbeginn ein Lehrverbot, das erst 1840 aufgehoben wurde. Bald kamen berühmte Studenten nach Bonn – Heinrich Heine schon 1819/20, später Karl Marx, Prinz Albert und Friedrich Nietzsche.
Eine neue Stadtidentität
Aus der Residenzstadt wurde so die Universitäts- und später auch Rentnerstadt, geprägt von Professoren, Studenten, wohlhabenden Pensionären und Rheinreisenden. Die Hochschule brachte wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, die Bevölkerung wuchs wieder, und Bonn wurde zu einem Ziel der Rheinromantik.
Das Stadtbild im Wandel
Baulich hat diese Epoche Bonn weniger neu gebaut als umgenutzt: Die Silhouette mit Münster und Schloss blieb von 1780 bis 1830 nahezu gleich, doch hinter den Fassaden wechselte das Leben gleich mehrfach.
Das letzte Bauen der Kurfürsten
Das Bonn der 1780er Jahre war eine barocke Residenz: das große Schloss mit dem Hofgarten, das Lustschloss in Poppelsdorf, zahlreiche Adelshöfe, Klöster und Stifte rund um das Münster. 1777 hatte ein Brand das Residenzschloss schwer beschädigt. Es wurde wieder aufgebaut, aber nicht vollständig – einer der Ecktürme entstand nicht neu, weshalb das Schloss bis heute nur drei seiner vier geplanten Türme besitzt (KuLaDig).
Das letzte große Prestigeprojekt des Hofes entstand nicht in der Stadt, sondern im nahen Godesberg, das Max Franz zum Kurbad ausbaute. Dort ließ er 1790 bis 1792 nach Plänen von Martin Leydel die klassizistische Redoute errichten, einen Ballsaal für Hof und Badegäste. Die Hofkapelle konzertierte hier, und 1792 spielte Beethoven in der Redoute Joseph Haydn vor – der Auftakt zu seiner Reise nach Wien (Wikipedia). Godesberg gehörte damals noch nicht zu Bonn.
Umnutzung statt Neubau
Die Franzosen bauten in Bonn kaum; sie nutzten den reichlich vorhandenen Bestand um. Das verstaatlichte Schloss diente nacheinander als Lazarett und Lyzeum und beherbergte ab 1810 sogar eine Zuckerfabrik – ein Kind der Kontinentalsperre, die Rohrzucker aus Übersee knapp machte (KuLaDig). In der Godesberger Redoute verstummten die Feste; sie wurde Gemäldegalerie und Mädchenschule. Nach der Säkularisation wechselten zudem Klostergebäude in staatliche und private Hand. Das größte Bauprojekt der Epoche, die Großfestung, die Napoleon 1811 auf dem Finkenberg begutachtete, blieb Papier.
Der Abriss der Martinskirche
Den markantesten Verlust erlitt das Stadtbild 1812. Neben dem Münster stand die Martinskirche, eine alte Rundkirche, die nach 1794 zusehends verfiel. Die Bonner Behörden wollten sie abreißen, um den Blick auf den Ostchor des Münsters freizulegen. Ausgerechnet der französische Präfekt widersprach: Er nannte sie die „Wiege der Religion und ältestes Bauwerk der Stadt“ und bewilligte 300 Francs für die dringendsten Reparaturen. Kaum war er versetzt, stürzte am Karfreitag 1812 ein Teil der Kuppel ein – herbeigeführt, wie es heißt, von unbekannter Hand. Danach wurde die Kirche abgetragen und ihr Steinmaterial versteigert. Die Gemeinde Poppelsdorf kaufte es und baute daraus eine neue Sebastianskapelle (Bonner Münster).
Preußischer Klassizismus
Mit der Universität bekamen die leeren Bauten der Kurfürsten eine neue Bestimmung. 1818 gingen das Schloss und Schloss Poppelsdorf an die Hochschule; die ehemalige Hofkapelle, schon Kirche der evangelischen Gemeinde, nutzte nun auch die evangelische Fakultät, der Buen Retiro zur Klinik (KuLaDig). In Poppelsdorf entstand in diesen Jahren auch der Botanische Garten.
Der erste bedeutende Neubau folgte 1823 bis 1830: die Anatomie am Hofgarten, entworfen von Karl Friedrich Schinkel und Hermann Friedrich Waesemann. Seit 1872 beherbergt sie das Akademische Kunstmuseum (Wikipedia). Auf das Barock der Kurfürsten folgte damit der preußische Klassizismus – auch architektonisch ein Neubeginn. Die Lithografie Bonn am Rhein um 1827 zeigt dennoch die vertraute Silhouette mit Münster und Schloss, wie sie schon zur Kurfürstenzeit bestand (GHDI).
Die Bonner Presse
Auch die Bonner Zeitungen spiegeln die drei Phasen dieser Jahrzehnte: aufgeklärte Blätter unter den Kurfürsten, ein zweisprachiges Anzeigenblatt unter den Franzosen und ein Wochenblatt, das die preußische Universitätsgründung verkündete.
Blätter der Aufklärung
Das älteste Bonner Blatt dieser Zeit war das Gnädigst privilegirte Bönnische Intelligenz-Blatt, das ab 1772/73 zweimal wöchentlich erschien. Wie alle Intelligenzblätter war es vor allem Anzeigen- und Amtsblatt, verstand sich laut Untertitel aber ausdrücklich auch als Werkzeug zur „Beförderung der Aufklärung“ (Deutsches Zeitungsportal). Seine letzte Nummer erschien am 24. Dezember 1793 – im letzten Winter vor dem Einmarsch der Franzosen.
Anspruchsvoller war das Bönnische Wochenblatt, das sich im Untertitel als „Sammlung historischer, politischer, moralischer, physischer, ökonomischer und litterarischer Abhandlungen“ vorstellte. Es erschien von 1785 bis Ende 1788 in vier Jahrgängen (Deutsches Zeitungsportal) und gehört in dasselbe geistige Umfeld wie die Lesegesellschaft.
Zweisprachig und kontrolliert
Aus der Franzosenzeit ist ein zweisprachiges Anzeigenblatt in deutscher und französischer Sprache überliefert, die Feuille d'affiches (Universität Bonn). Politisch hatte die Presse unter Napoleon wenig Spielraum: Zeitungen standen unter Zensur, und ab 1810 sollte jedes Departement nur noch ein politisches Blatt haben – für die Bezirksstadt Bonn blieb da kaum Raum für eine eigene Stimme.
Das Bonner Wochenblatt und die neue Zensur
In preußischer Zeit wurde das Bonner Wochenblatt zur Chronik der Stadt. Am 29. Oktober 1818 berichtete es über die Gründung der Universität und druckte die Stiftungsurkunde vollständig ab (Universität Bonn). Frei war die Presse aber auch jetzt nicht: Mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 unterlagen Zeitungen im ganzen Deutschen Bund einer strengen Vorzensur. Politische Kritik suchte sich andere Wege – in Bonn nicht zuletzt den Karneval, wie das folgende Kapitel zeigt. Erst in der Revolution von 1848/49 meldete sich mit Gottfried Kinkels Neuer Bonner Zeitung eine offen politische Bonner Stimme zu Wort.
Viele dieser Blätter sind heute digitalisiert: Das Portal zeitpunkt.nrw der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn verzeichnet 35 historische Bonner Zeitungstitel.
Bonner Köpfe und berühmte Gäste
Die großen Umbrüche dieser Jahrzehnte spiegeln sich in einzelnen Lebensläufen – am berühmtesten in dem eines Bonners, der längst in Wien lebte, als Napoleon seine Heimatstadt regierte.
Beethoven und Napoleon
Beethoven hatte Bonn 1792 verlassen, doch die Ideale der Bonner Aufklärung nahm er mit. Wie viele seiner Generation sah er in Napoleon zunächst den Vollender der Revolution. Seine dritte Sinfonie, vollendet 1804, trug auf dem Titelblatt des Manuskripts den Vermerk, sie sei „für Bonaparte geschrieben“, und seinem Verleger nannte er als Titel schlicht „Bonaparte“. Als sich Napoleon zum Kaiser erhob, soll Beethoven die Widmung zornig getilgt haben; auf dem Titelblatt der Partitur ist bis heute eine Ausradierung zu sehen. Gedruckt wurde das Werk als Sinfonia eroica, geschrieben für einen unbekannten Helden, und gewidmet war es Beethovens Gönner Fürst Lobkowitz, der es bezahlt hatte (GHDI).
Die Anekdote vom zornigen Komponisten stammt von Ferdinand Ries, dem Sohn des Bonner Hofmusikers Franz Anton Ries und Beethovens Schüler in Wien. Historiker halten die dramatische Szene für zugespitzt – doch sie zeigt, wie eng die Bonner Musikerkreise mit dem Bild Napoleons verbunden blieben. Während Bonn französisch wurde, wandte sich sein berühmtester Sohn vom französischen Kaiser ab.
Nikolaus Simrock: Hornist, Aufklärer, Verleger
Kaum ein Bonner verkörpert den Weg von der Hof- in die Bürgerwelt so deutlich wie Nikolaus Simrock. Der gebürtige Mainzer hatte als junger Mann neun Jahre in der französischen Armee gedient und kam 1775 als Hornist in die kurfürstliche Hofkapelle, wo er später neben Beethoven spielte (Deutsche Biographie). Er gehörte zur Bonner Illuminaten-Gruppe, war Gründungsmitglied der Lesegesellschaft und gründete 1793 seinen Musikverlag. Zu seinen ersten Drucken zählten Variationen Beethovens; insgesamt brachte das Haus Simrock 13 Erstausgaben von Beethovens Werken heraus (Wikipedia).
Als die Franzosen 1794 kamen und der Hof floh, lief sein Notenhandel bereits so gut, dass er das Horn an den Nagel hängen konnte. Seine französische Gesinnung zahlte sich aus, und 1805 gehörte er zu den Mitgliedern der neu gegründeten Bonner Freimaurerloge Les Frères courageux. Der Verlag überdauerte alle Regimewechsel: Sein Sohn Peter Joseph führte ihn weiter, 1870 zog er nach Berlin. Simrock steht damit für jene Bonner, die vom Umbruch profitierten – aufgeklärt, unternehmerisch und frankreichfreundlich.
Berühmte Gäste
Neben Haydn und Napoleon, von denen oben schon die Rede war, kamen weitere berühmte Reisende nach Bonn. 1794, wenige Monate vor dem Ende des Kurstaats, besuchte die englische Schriftstellerin Ann Radcliffe die Stadt und lobte das Schloss als ideale Bühne für diplomatisches Zeremoniell (KuLaDig) – eine Momentaufnahme der Residenz kurz vor ihrem Untergang.
Nach Napoleons Sturz entdeckten britische Reisende den Rhein. Mitte Mai 1816 fuhr Lord Byron, auf der Flucht vor den Skandalen in England, den Strom hinauf Richtung Schweiz (hidden europe). Im Vorbeifahren entstanden seine Strophen auf „The castled crag of Drachenfels“, die den Berg vor Bonns Haustür in ganz Europa berühmt machten und als Startschuss des Rheintourismus gelten (Denkmalverein Bonn). Ein Jahr später folgte der Maler William Turner weitgehend Byrons Route. Die Londoner Tate bewahrt seine Skizzen von 1817, darunter den Blick vom Hochkreuz auf Godesburg und Drachenfels und eine Ansicht von Godesburg und Bonn vom Boot aus (Tate).
Goethe dagegen ist als Bonner Gast nicht belegt, wohl aber als Fernpartner der jungen Universität. Der Botaniker Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck, 1818 nach Bonn berufen und zugleich Präsident der Leopoldina, die er ins Poppelsdorfer Schloss holte, sorgte im selben Jahr für Goethes Aufnahme in die Akademie. Beide führten über Jahrzehnte einen umfangreichen Briefwechsel, Goethe schickte Samen aus Weimar für den Poppelsdorfer Garten, und Nees benannte eine Pflanze nach ihm, Goethea cauliflora (Botanische Gärten Bonn). Die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn verwahrt bis heute Briefe, Gedichte und Zeichnungen Goethes (ULB Bonn).
Bonn und Beuel: Geschichten vom Rhein und vom Karneval
Abseits der großen Politik erzählen viele kleine Geschichten, wie sich die Umbrüche dieser Jahre im Alltag anfühlten – und keine Bonner Institution zeigt das Erbe der Zeit so deutlich wie der Karneval, der unmittelbar nach Napoleon seine moderne Form fand.
Der Rhein als Staatsgrenze
Wer heute von Bonn nach Beuel fährt, wechselt den Stadtbezirk. Um 1810 wechselte er das Land. Denn während Bonn ab 1801 französisch war, blieb die rechte Rheinseite außerhalb Frankreichs. Vilich, Kern des heutigen Beuel, war bis 1803 eine Unterherrschaft im kurkölnischen Amt Bonn gewesen, kam dann an das Fürstentum Nassau-Usingen und 1806 an das Großherzogtum Berg. 1809 erhielt es dort eine Munizipalität nach französischem Vorbild, die nach 1815 als preußische Bürgermeisterei fortbestand (KuLaDig). Der Strom, der Bonn und Beuel heute verbindet, trennte sie damals.
Diese Grenze gibt auch Napoleons Besuch vom 6. November 1811, der oben geschildert ist, eine besondere Note: Bürgermeister Stroof, der den Kaiser in Combahn empfing, war ein bergischer Beamter – er begrüßte den Herrscher Frankreichs also auf der „anderen“ Rheinseite. Stroofs Haus in Vilich ist heute ein Museum.
Zollgrenze und Schmuggel
Die Grenze im Rhein war vor allem eine Zollgrenze – und die hatte es schon vor der Annexion gegeben. Ab 1798 verlegten die Franzosen ihre Zolllinie an den Strom. Für die linksrheinische Wirtschaft war das ein Gewinn: Ihre Waren hatten nun Zugang zum großen französischen Markt, und hohe Zölle hielten die Konkurrenz von der rechten Rheinseite fern. Die Unternehmer im Bergischen dagegen verloren einen Großteil ihres Absatzes. Mit der Kontinentalsperre gegen England verschärfte Napoleon ab 1806 den Wirtschaftskrieg noch. Der Rhein wurde streng bewacht, und gerade das machte den Schmuggel zum einträglichen Geschäft; für Zollvergehen richtete Frankreich eigene Douanegerichte ein, etwa in Köln (Rheinische Geschichte).
Auch das Großherzogtum Berg baute ab 1809 eine eigene Zollverwaltung mit Inspektoren und berittenen Brigaden auf. Wie gespannt die Lage war, zeigt ein Vorfall vom August 1812 im nahen Sieg-Departement: In Hörbach schoss ein Zöllner in eine aufgebrachte Menge, zwei Bauern starben (napoleon-online). Der wirtschaftliche Niedergang des Bergischen mündete 1813 in den Aufstand der sogenannten „Knüppelrussen“ – die einzige schwere Revolte gegen die französische Herrschaft am Rhein.
Für die Schifffahrt selbst brachte die Franzosenzeit dagegen Ordnung. Der Rhein-Oktroi-Vertrag vom 15. August 1804 ersetzte die Vielzahl alter Rheinzölle durch ein einheitliches System mit gemeinsamer Verwaltung. Der Wiener Kongress führte das 1815 fort und schuf die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt – die als älteste noch bestehende internationale Organisation der Welt gilt (ZKR). Zwischen Bonn und Beuel aber blieb es beim Alten: Übergesetzt wurde wie seit 1673 mit der Gierponte, mit der 1811 auch Napoleon den Rhein querte; eine feste Brücke beschloss man erst 1895 (Beuel-Mitte).
Beueler Soldaten in Spanien
Die Zugehörigkeit zu Berg hatte auch eine dunkle Seite. Als Rheinbundstaat war das Großherzogtum zur Heerfolge verpflichtet, und so kämpften bergische Truppen von 1808 bis 1813 in Spanien. Besonders verlustreich war 1809 die Belagerung der katalanischen Festung Gerona (Denkmalverein Bonn).
Karneval in der Franzosenzeit
Über den Bonner Karneval der Franzosenzeit sind kaum belastbare Nachrichten überliefert. Für das benachbarte Köln berichtet die Stadt, dass die französischen Behörden den Einheimischen ihre Umzüge erlaubten (Stadt Köln). Die Fastnacht lebte also weiter – allerdings noch als lockerer Volksbrauch, nicht in der organisierten Form, die wir heute kennen.
Die Neuerfindung nach Napoleon
Diese Form entstand erst unter preußischer Herrschaft, und zwar zuerst in Köln. 1823 gründete sich dort die Große Karnevalsgesellschaft, und am 10. Februar 1823 zog der erste Rosenmontagszug durch die Stadt (Stadt Köln). Die junge Bonner Universität spielte dabei eine überraschende Rolle: Der Mineraloge Johann Jakob Noeggerath und der schon erwähnte Botaniker Nees von Esenbeck berichteten Goethe vom neuen rheinischen Karneval, und 1825 schrieb Goethe sein Gedicht „Der Cölner Mummenschanz“ (Universität Bonn). 1826 begann dann der organisierte Bonner Karneval – er feiert 2026 sein 200-jähriges Bestehen.
1824: Die Beueler Wäscherinnen
Beuels großer Beitrag zur Karnevalsgeschichte kam zwei Jahre früher. Viele Beueler Frauen verdienten ihr Geld damit, die Wäsche wohlhabender Bonner und Kölner Haushalte zu waschen und zu bleichen. Ihre Männer brachten die fertige Wäsche in die Städte und feierten dort ausgiebig Karneval, während die Frauen zu Hause blieben. 1824 hatten die Wäscherinnen genug: Bei einem Kaffeekränzchen beschlossen sie, die männliche Vorherrschaft im Karneval zu brechen, und gründeten das „Alte Beueler Damenkomitee“ (wissen.de). Daraus entstand die Beueler Weiberfastnacht, die heute im ganzen Rheinland gefeiert wird.
Karneval als politisches Ventil
Wo die Zeitungen schweigen mussten, sprach die Bütt – und die preußische Obrigkeit traute dem fröhlichen Treiben nicht. 1828 verbot Friedrich Wilhelm III. den öffentlichen Karneval in Bonn für 14 Jahre, weil er fürchtete, vor allem die Studenten könnten das Fest für „regimekritische oder sogar umstürzlerische Aktionen“ nutzen. Als der Karneval wieder erlaubt war, bewies Gottfried Kinkel 1843, wie berechtigt diese Sorge aus Sicht der Obrigkeit war: Gemeinsam mit Johanna Kinkel und Karl Simrock warb er für Freiheit, Gleichheit und nationale Einheit, verfasste ein „Bürgerlied“ und nutzte als Stegreif-Büttenredner die Narrenfreiheit, um die Zensur zu umgehen und Spitzen gegen die preußische Obrigkeit zu setzen (Universität Bonn). Wenige Jahre später gehörte Kinkel zu den Revolutionären von 1848/49.
So betrachtet war der rheinische Karneval fast eine Fortsetzung der Franzosenzeit mit anderen Mitteln. Die Ideale von Freiheit und Gleichheit lebten in der Bütt weiter, und das Verspotten der neuen Herren aus Berlin gehörte bald selbstverständlich dazu. Diese Deutung ist in der rheinischen Geschichtsschreibung verbreitet; für Bonn stützen sie das Verbot von 1828 und Kinkels Auftritte besonders anschaulich.
Spuren in Bonn heute und Bilanz
Viele Schauplätze dieses Berichts lassen sich heute noch besuchen.
Wie man sich an die Franzosenzeit erinnerte
Im Rheinland blieb die Erinnerung an die Franzosen lange erstaunlich freundlich. Auf dem linken Rheinufer bewunderten viele Napoleon als Wiederhersteller von Ordnung und Religion und als Kriegshelden (Rheinische Geschichte). Nach seinem Tod 1821 wurde er zum Mythos. Rheinische Veteranenvereine pflegten den Kult bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Sie feierten Napoleons Geburtstag am 15. August und errichteten Denkmäler, etwa 1853 auf dem Kölner Friedhof Melaten (Dokumente/Documents). 1857 stiftete Napoleon III. die St.-Helena-Medaille für alle noch lebenden Soldaten der Jahre 1792 bis 1815; rund 55.000 der Medaillen gingen an Nicht-Franzosen (Wikipedia).
Das preußische Bonn setzte dem bewusst eine Gegenerinnerung entgegen; schon das Gründungsdatum der Universität und Arndts Berufung waren politische Signale. Was aber blieb und verteidigt wurde, war das französische Erbe im Alltag: das Rheinische Recht bis 1900 und die französisch geprägte Gemeindeordnung, die zum Kern des rheinischen Selbstbewusstseins gegenüber Berlin wurde. Manches angebliche Erbe ist dagegen Legende – viele rheinische Dialektwörter, die man gern den französischen Soldaten zuschreibt, wie die „Fisimatenten“, sind älter als 1794.
In Bonn ist das Interesse an dieser Zeit bis heute lebendig. Der Denkmal- und Geschichtsverein Bonn-Rechtsrheinisch widmete allein 2025 und 2026 Vorträge Napoleons Besuch auf dem Finkenberg, Lord Byron am Drachenfels und den bergischen Soldaten in Spanien – im Haus jenes Bürgermeisters Stroof, der den Kaiser 1811 empfing.
Orte zum Entdecken
| Ort | Bezug zur Epoche |
|---|---|
| Kurfürstliches Schloss | Residenz bis 1794, dann Lazarett, Lyzeum, Zuckerfabrik; seit 1818 Hauptgebäude der Universität |
| Hofgarten | Kurfürstlicher Garten, 1798 „Nationalgarten“ mit Revolutionsfest |
| Schloss Poppelsdorf | Kurfürstliches Lustschloss, seit 1818 Universität |
| Beethoven-Haus, Bonngasse | Geburtshaus Beethovens; Ausstellungen zur Bonner Aufklärung |
| Lesegesellschaft | 1787 gegründet, besteht bis heute |
| Finkenberg (Beuel-Limperich) | Napoleons Inspektion der Festungspläne, 6. November 1811 |
| Bonner Münster | Ehemaliges Stift, nach der Säkularisation Pfarrkirche; daneben stand bis 1812 die Martinskirche |
| Museum Bürgermeister-Stroof-Haus (Vilich) | Haus des bergischen Bürgermeisters, der Napoleon 1811 in Combahn empfing |
| Beueler Rheinufer | Heimat der Wäscherinnen, die 1824 das Alte Beueler Damenkomitee gründeten |
| Akademisches Kunstmuseum (alte Anatomie) | Erster preußischer Neubau, 1823–1830 nach Entwürfen von Schinkel und Waesemann |
| Redoute, Bad Godesberg | Ballsaal des Kurfürsten (1790–1792); hier spielte Beethoven 1792 Haydn vor |
| Jüdischer Friedhof Schwarzrheindorf | Ältester Stein von 1623; Trauerzüge setzten mit Booten über den Grenzfluss |
Bilanz
Für die Zeitgenossen überwog der Verlust. Doch die Ordnung, die die Franzosen hinterließen – gleiches Recht, Zivilstand, Gewerbefreiheit und eine Verwaltung, die bürgerliche Eliten nach oben trug –, überdauerte ihren Abzug und prägte Bonn bis weit ins 19. Jahrhundert.
Paradoxerweise schuf gerade der Verlust die Voraussetzung für den Neubeginn: Ohne das Ende der Residenz hätte es die preußische Universitätsgründung in dieser Form kaum gegeben.
So erzählt Bonn im Kleinen die Geschichte des ganzen Rheinlands: ein Ancien Régime, das in der Aufklärung seine beste Seite zeigte, eine Revolution, die als Besatzung kam und als Modernisierung blieb, und ein preußischer Neuanfang, der auf französischem Fundament stand.
Zeittafel
Zwischen der Eröffnung der ersten und der Gründung der zweiten Universität liegen 32 Jahre – und dazwischen der komplette Umbau der Stadt.
Quellen
Stadt, Hof und Universität
- Geschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität (Universitätsarchiv Bonn)
- Kurfürstliches Schloss Bonn (KuLaDig)
- Das Schloss unter Max Franz und die Flucht 1794 (KuLaDig)
- Hofgarten und Schloss in der Franzosenzeit (KuLaDig)
- Geschichte der Stadt Bonn (Wikipedia)
- Die Bevölkerungsentwicklung Bonns im 18. Jahrhundert (Portal Rheinische Geschichte)
- Einwohnerentwicklung von Bonn
- 1794 bis 1815 – Aufbruch in die Moderne. Die „Franzosenzeit“ (Portal Rheinische Geschichte)
- Rhin-et-Moselle (Wikipedia)
- Liste der Bürgermeister von Bonn (Wikipedia)
Kirchen und Religion
- Diocese of Aachen (Wikipedia)
- Jewish History of Bonn (Universität Bonn, Religionswissenschaft)
- Geschichte der Schlosskirche (Evangelisch-Theologische Fakultät Bonn)
- Die Martinskirche (Bonner Münster)
Personen
- Anton Graf von Belderbusch (Deutsche Biographie)
- Anton Reichsgraf von Belderbusch (Portal Rheinische Geschichte)
- Nicolaus Simrock (Deutsche Biographie)
- Nikolaus Simrock (Wikipedia)
- Beethoven: Sinfonie Nr. 3 „Eroica“ (GHDI)
- Lichtstrahlen der Aufklärung – Kurzführer (Beethoven-Haus Bonn)
- Beethoven-Serie, Teil 4 (Bürger für Beethoven)
- Nees von Esenbeck (Botanische Gärten der Universität Bonn)
- Goethe-Bestand (ULB Bonn)
Bauten
Beuel, Rhein und Wirtschaft
- Vilich (KuLaDig)
- Beuel-Mitte
- Kolleg „Napoleon auf dem Finkenberg“ (Denkmal- und Geschichtsverein Bonn-Rechtsrheinisch)
- Kolleg „Bergische Truppen in Spanien“ (Denkmal- und Geschichtsverein Bonn-Rechtsrheinisch)
- Bergische Zollinspektoren (napoleon-online)
- Rechtsgrundlagen der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR)
Presse
- Gnädigst privilegirtes Bönnisches Intelligenz-Blatt (Deutsches Zeitungsportal)
- Bönnisches Wochenblatt 1785–1788 (Deutsches Zeitungsportal)
- Historische Zeitungen aus NRW online – zeitpunkt.nrw (Universität Bonn, 2018)
Reisende
- Travelling with Byron and Turner (hidden europe)
- Kolleg „Lord Byron, der Rhein und der Drachenfels“ (Denkmal- und Geschichtsverein Bonn-Rechtsrheinisch)
- Turner: View from the Hochkreuz (Tate)
Karneval und Erinnerung
- Von Goethe bis zur Uni-Ente: Die Universität im Bonner Karneval (Universität Bonn)
- Die Historie des Kölner Karnevals (Stadt Köln)
- Weiberfastnacht: Jecke Frauen an die Macht (wissen.de)
- Erinnerung an die Franzosenzeit im Rheinland (Dokumente/Documents 5/2007)
- Saint Helena Medal (Wikipedia)
- ZDF-Dokumentation Napoleon und die Deutschen, Folge 1: „Napoleon der Eroberer“ (2006) – Episodenbeschreibung
Hinweis: Einige Angaben beruhen auf allgemeiner Fachliteratur und wurden hier nicht eigens an Quellen geprüft: die napoleonische und preußische Pressepolitik einschließlich Kinkels Zeitung, die Aussage, dass die geplante Festung nie gebaut wurde, und dass die Eroica-Anekdote auf Ferdinand Ries zurückgeht. Die Einwohnerzahlen bis 1815 sind Schätzungen. Für die Gründung der kurfürstlichen Akademie und Universität nennen die Quellen leicht abweichende Jahre (1774/1777 bzw. 1784/1786). Zur Schlosskirche widersprechen sich die Quellen: Nach einer diente sie ab 1806 wieder als Gotteshaus, nach der Evangelisch-Theologischen Fakultät fand während der gesamten Besatzung dort kein christlicher Gottesdienst statt (Universität Bonn).







