Elba
Ein großer Feldzug
Nach der verheerenden Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 war Napoleons einstiges Weltreich in sich zusammengebrochen. Auf dem deutschen Kriegsschauplatz endgültig geschlagen, ging es für den Kaiser der Franzosen in der Folge nicht mehr um die Hegemonie über den europäischen Kontinent, sondern einzig um den Erhalt seines eigenen Throns und der bonapartistischen Dynastie. Trotz dieser aussichtslosen Lage wies Napoleon sämtliche Friedensangebote der antinapoleonischen Koalition unnachgiebig zurück. Selbst der im November 1813 unterbreitete Entwurf der Frankfurter Denkschrift, der Frankreich seine natürlichen Grenzen am Rhein, den Alpen und den Pyrenäen belassen hätte, fand keine Gnade vor seinen Augen. Getrieben von einem unerschütterlichen Standesbewusstsein verweigerte er jegliches Zugeständnis, da er das Staatsgebiet unter keinen Umständen kleiner hinterlassen wollte, als er es nach dem Staatsstreich des 18. Brumaire im Jahr 1799 als Erster Konsul übernommen hatte.
Als die verbündeten Heere aus Preußen, Österreich, Russland und den deutschen Einzelstaaten zu Beginn des Jahres 1814 die geschützte Rheinlinie überschritten und auf französischen Boden vordrangen, bot sich ein düsteres Bild. Das vom jahrelangen Dauerkrieg erschöpfte Land konnte kaum noch verlässliche Rekruten stellen, sodass Napoleon den heranrückenden Streitkräften unter dem böhmischen Feldmarschall Fürst zu Schwarzenberg und dem preußischen Generalfeldmarschall von Blücher lediglich eine eilig zusammengezogene Feldarmee von kaum 70.000 Mann entgegenstellen konnte. Bereits am 1. Februar erlitt das geschwächte französische Heer in der Schlacht bei La Rothière im Département Aube eine empfindliche Niederlage gegen die erdrückende Übermacht der Verbündeten, woraufhin der Vormarsch der Alliierten auf Paris unaufhaltsam erschien.
In dieser schier aussichtslosen Situation blitzte das militärische Genie des Feldherrn ein letztes Mal auf. Im Zuge des sogenannten Sechstagefeldzuges nutzte Napoleon die geografische Trennung der alliierten Vormarschrouten entlang der Flussläufe von Marne und Seine meisterhaft aus. Durch extrem rasche Truppenbewegungen über die morastigen Wege der Champagne gelang es ihm, die verstreuten Korps der Schlesischen Armee unter Blücher überraschend zu isolieren. In einer Serie blitzartiger Gefechte bei Champaubert, Montmirail, Étoges und Vauchamps zwischen dem 11. und 14. Februar 1814 fügte er den preußisch-russischen Verbänden schwere Verluste zu und zwang sie vorübergehend zum Rückzug. Nur wenige Tage später, am 18. Februar, errang er bei Montereau-Fault-Yonne am Zusammenfluss von Seine und Yonne einen ebenso überraschenden Sieg über das Korps des Kronprinzen von Württemberg. Dennoch vermochten diese brillanten taktischen Meisterleistungen den strategischen Gesamtablauf des Feldzuges nur noch kurzfristig zu verzögern. Gegen die schiere numerische Übermacht sowie die unablässig auf die Hauptstadt Paris vorrückenden Kolonnen der Koalition war ein dauerhafter Widerstand schlicht unmöglich, sodass sich der Kaiser schließlich dem unvermeidlichen Schicksal seiner Abdankung beugen musste.
29. Januar 1814 - Schlacht bei Brienne
In den dramatischen Endphasen des Sechsten Koalitionskrieges entbrannte am 7. März 1814 auf dem Kamm des Chemin des Dames in der Picardie eine der verlustreichsten Schlachten des gesamten Frankreich-Feldzuges. Auf dem schmalen, von den Tälerlandschaften der Aisne und der Ailette begrenzten Plateau bei Craonne prallten die geschwächten französischen Truppen unter Napoléon Bonaparte auf die gut verschanzten Stellungen der Verbündeten. Der Kaiser beabsichtigte, die feindlichen Streitkräfte in einer entscheidenden Zangenbewegung zu zerschlagen, ehe sie sich vollständig vereinen konnten.
Zu diesem Zweck ließ Napoléon seine Verbände, in deren Reihen viele blutjunge Rekruten der Kaiserlichen Garde standen, im dichten Nebel gegen die Stellungen des russischen Infanteriekorps unter dem Kommando von Fürst Michail Woronzow anstürmen. Das Korps Woronzow bildete das Zentrum der russischen Kontingente im Verband des Generalgouverneurs Ferdinand von Wintzingerode. Diese Einheiten gehörten wiederum zur legendären „Schlesischen Armee“, einem multinationalen Großverband der 6. Koalition, der unter dem Oberbefehl des unnachgiebigen preußischen Feldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher stand.
Die Geografie des Schlachtfeldes verhinderte ein rasches Manövrieren. Auf dem steil abfallenden Terrain rund um das strategisch entscheidende Gutshaus Hurtebise mussten die Franzosen unter ständigem Kartätschenfeuer bergauf marschieren. Trotz immenser Verluste drängte die französische Infanterie die Russen Schritt für Schritt zurück. Der kühne Operationsplan Blüchers und seines vorausschauenden Chef des Generalstabes, Neidhardt von Gneisenau, sah eigentlich vor, die französische Armee mit einer weitreichenden Umfassungsbewegung der eigenen Kavallerie über das Hinterland einzuschließen und endgültig zu vernichten.
Schlechte Wegeverhältnisse, verfrühtes Handeln und Ausführungsfehler im hügeligen Gelände der Picardie ließen dieses Vorhaben jedoch scheitern. Als die Umgehung ausblieb und der Druck auf dem Plateau unerträglich wurde, ordnete Woronzow am Spätnachmittag den geordneten Rückzug an. Obwohl Napoléon am Ende des Tages das Terrain behaupten konnte, erkaufte er diesen blutigen Etappensieg ohne strategischen Nutzen. Die angeschlagene, aber keineswegs zerschlagene „Schlesische Armee“ zog sich geordnet nach Laon zurück, wo nur zwei Tage später die nächste entscheidende Kraftprobe wartete.
Zu diesem Zweck ließ Napoléon seine Verbände, in deren Reihen viele blutjunge Rekruten der Kaiserlichen Garde standen, im dichten Nebel gegen die Stellungen des russischen Infanteriekorps unter dem Kommando von Fürst Michail Woronzow anstürmen. Das Korps Woronzow bildete das Zentrum der russischen Kontingente im Verband des Generalgouverneurs Ferdinand von Wintzingerode. Diese Einheiten gehörten wiederum zur legendären „Schlesischen Armee“, einem multinationalen Großverband der 6. Koalition, der unter dem Oberbefehl des unnachgiebigen preußischen Feldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher stand.
Die Geografie des Schlachtfeldes verhinderte ein rasches Manövrieren. Auf dem steil abfallenden Terrain rund um das strategisch entscheidende Gutshaus Hurtebise mussten die Franzosen unter ständigem Kartätschenfeuer bergauf marschieren. Trotz immenser Verluste drängte die französische Infanterie die Russen Schritt für Schritt zurück. Der kühne Operationsplan Blüchers und seines vorausschauenden Chef des Generalstabes, Neidhardt von Gneisenau, sah eigentlich vor, die französische Armee mit einer weitreichenden Umfassungsbewegung der eigenen Kavallerie über das Hinterland einzuschließen und endgültig zu vernichten.
Schlechte Wegeverhältnisse, verfrühtes Handeln und Ausführungsfehler im hügeligen Gelände der Picardie ließen dieses Vorhaben jedoch scheitern. Als die Umgehung ausblieb und der Druck auf dem Plateau unerträglich wurde, ordnete Woronzow am Spätnachmittag den geordneten Rückzug an. Obwohl Napoléon am Ende des Tages das Terrain behaupten konnte, erkaufte er diesen blutigen Etappensieg ohne strategischen Nutzen. Die angeschlagene, aber keineswegs zerschlagene „Schlesische Armee“ zog sich geordnet nach Laon zurück, wo nur zwei Tage später die nächste entscheidende Kraftprobe wartete.
9. und 10. März 1814 - Schlacht bei Laon
Die historische Bischofsstadt Laon erhebt sich auf einem markanten, steilen Kalksteinfelsen inmitten der flachen Ebenen des Départements Aisne in Nordfrankreich – eine naturgewollte Festung, die der preußische Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher für die entscheidende Konfrontation am 9. und 10. März 1814 meisterhaft zu nutzen wusste. In den späten Phasen der Befreiungskriege versuchte Napoleon Bonaparte verzweifelt, den Vormarsch der Verbündeten auf Paris zu stoppen, traf jedoch bei Laon auf eine drückende Übermacht der schlesischen Armee, die sich fest auf dem Hochplateau verschanzt hatte.
Der Wendepunkt der zweitägigen Schlacht vollzog sich in den Abendstunden des ersten Tages bei dem östlich gelegenen Dorf Athies. Dort überraschten die preußischen Verbände unter Generalleutnant von Yorck das erschöpfte VI. Korps des französischen Marschalls Auguste de Marmont durch einen entschlossenen Nachtangriff. Marmonts Soldaten wurden in völliger Dunkelheit überrumpelt und panikartig zersprengt, sodass sich die verbleibenden Reste erst weit südlich hinter dem schützenden Flusslauf der Aisne bei Fismes wieder sammeln konnten. Neben zweitausendfünfhundert Gefangenen sowie eintausendfünfhundert Toten und Verwundeten büßte das französische Korps mit fünfundvierzig Geschützen und einhundertundeinunddreißig Munitionswagen nahezu seine gesamte Artillerie ein, was der Kampfkraft von Napoleons Ostflügel einen irreparablen Schlag versetzte.
Aufgrund dieser schweren Niederlage an der Flanke und des dramatischen Verlusts der Artillerieunterstützung waren die erneuten Vorstöße des Kaisers gegen die steil abfallenden Hänge von Laon am folgenden Tag zum Scheitern verurteilt. Angesichts der uneinnahmbaren Position Blüchers und drohender Umfassungsmanöver blieb Napoleon schließlich keine andere Wahl, als den geordneten Rückzug über Soissons anzutreten. Mit einem verheerenden Gesamtverlust von rund neuntausend Mann geschlagen, zeichnete sich bei Laon der endgültige Niedergang der napoleonischen Herrschaft ab, während die Truppen der sechsten Koalition diese strategische Schlüsselstellung mit kaum zweitausend eigenen Opfern behaupteten.
20. März 1814 - Schlacht bei Arcis-sur-Aube
Im Frühjahr 1814 war das Ende der napoleonischen Herrschaft spürbar nah gerückt. Während die alliierte Böhmische Armee unter dem österreichischen Feldmarschall Karl Philipp zu Schwarzenberg entlang der Flüsse Seine und Aube unaufhaltsam auf die französische Hauptstadt vorrückte, unternahm Napoleon Bonaparte verzweifelte Manöver, um die überlegenen gegnerischen Streitkräfte in der Champagne zu spalten. Am 20. März 1814 gipfelte dieser Versuch in der Schlacht bei Arcis-sur-Aube, einem dramatischen Gefecht, das die Aussichtslosigkeit der kaiserlichen Verteidigung endgültig besiegelte.Schwarzenbergs Streitkräfte zählten rund 80.000 Soldaten. Demgegenüber verfügte Napoleon bei Arcis-sur-Aube zunächst nur über ein Kontingent von etwa 20.000 bis 28.000 Mann, bestehend aus Einheiten unter Marschall Michel Ney und der Kavallerie von General Horace Sébastiani. Napoleon wie auch seine Aufklärung gingen irrtümlich davon aus, lediglich auf eine schwache alliierte Nachhut zu treffen. Als der Kaiser am Vormittag des 20. März die Kleinstadt Arcis-sur-Aube besetzte und seine Einheiten über die Brücke auf das südwärts gelegene Ufer der Aube führte, blickte er stattdessen in die massierten Gefechtsformationen der gesamten Böhmischen Armee.
Gegen Mittag entbrannte am südlichen Ufer der Aube ein unerwartet harter Schlagabtausch. Überlegene Alliierte – darunter bayerische Truppen unter Feldmarschall Carl Philipp von Wrede sowie russische und österreichische Kontingente – gingen zum Gegenangriff über. Die massive Wucht des Angriffs warf die geschockte französische Kavallerie zurück und drängte sie in wilder Flucht auf die Brücke von Arcis-sur-Aube zu. In diesem kritischen Moment, als eine Panik das rasche Ende der französischen Truppen zu besiegeln drohte, griff Napoleon persönlich in das Geschehen ein.
Mit gezogenem Degen warf sich der Kaiser in die Welle der weichenden Soldaten, ritt ihnen entgegen und zwang sie zum Stehen. Kurz darauf steuerte er sein Pferd direkt über eine kurz zuvor eingeschlagene Alliierten-Granate, um den eigenen Männern Unerschütterlichkeit zu demonstrieren. Das Geschoss explodierte unter dem Bauch seines Reittiers, doch Napoleon blieb auf wunderbare Weise unverletzt und stieg unverzüglich auf ein neues Pferd um. Inspiriert von dieser Rücksichtslosigkeit gegenüber dem eigenen Leben gelang es Marschall Neys Infanterie, die Stadt Arcis-sur-Aube zu halten und den gegnerischen Vormarsch vorübergehend einzudämmen.
Bis zum Einbruch der Dunkelheit tobten die Kämpfe um die Häuserreihen und die Brücke ohne eine entscheidende Wendung. Schwarzenberg agierte vorsichtig und nutzte seine erdrückende Übermacht nicht voll aus, was Napoleon das Überleben sicherte. Zwar trafen in der Nacht Verstärkungen unter Marschall Jacques Macdonald ein, doch am Morgen des 21. März wurde die gigantische zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten für den Kaiser unübersehbar. Napoleon erkannte die Drohung einer vollständigen Einkesselung und befahl den geordneten Rückzug über die Aube-Brücke.
Die Schlacht von Arcis-sur-Aube stellte den letzten direkten Versuch Napoleons dar, die Hauptmacht der Koalition aufzuhalten. Obwohl seine Truppen die Stadt am ersten Tag mit enormer Zähigkeit verteidigten, entkam die Armee nur knapp der Vernichtung. Nach dem Rückzug entschloss sich der Kaiser zu einem verhängnisvollen Schritt: Er marschierte nach Osten ab, um den Nachschub der Alliierten zu bedrohen, in der Hoffnung, sie dadurch von Paris wegzulocken. Die verbündeten Monarchen durchschauten das Manöver jedoch, ignorierten seinen Zug nach Osten und marschierten auf direktem Weg in die französische Hauptstadt, was nur wenige Tage später zum Sturz des Kaiserreichs führte.
30. März 1814 - Schlacht bei Paris
Nach der blutigen Schlacht von Arcis-sur-Aube versuchte Napoleon Bonaparte in einer Verzweiflungstat, das Blatt des Sechsten Koalitionskriegs doch noch zu wenden. Indem er seine verbliebenen Truppen nach Osten führte und über Vitry-le-François an der Marne in Richtung Rhein marschierte, wollte er in den Rücken der feindlichen Armeen gelangen, deren Nachschublinien bedrohen und den Krieg somit wieder auf deutsches Gebiet zurücktragen. Doch während der Kaiser auf einen rettenden strategischen Befreiungsschlag hoffte, nutzten die verbündeten Streitkräfte der Preußen, Österreicher und Russen die Gelegenheit und rüsteten zum entscheidenden Stoß in das Herz Frankreichs.
Als Napoleon von dem unerwarteten Vormarsch der Alliierten auf die weitgehend ungeschützte Hauptstadt erfuhr, ordnete er umgehend die Umkehr an. In atemlosen Gewaltmärschen hetzte die französische Armee entlang der Marne nach Westen, um der feindlichen Übermacht zuvorzukommen. Die Hoffnung zerschlug sich jedoch jäh, als Napoleon am 30. März 1814 nur wenige Wegstunden von Paris entfernt im Posthaus von Juvisy die Hiobsbotschaft erreichte: Nach heftigen Kämpfen am Montmartre hatte die Hauptstadt bereits kapituliert und die Tore für den russischen Zar Alexander I. und den preußischen König Friedrich Wilhelm III. geöffnet.
Gezwungen zum Rückzug, zog sich der geschlagene Kaiser in das Schloss von Fontainebleau zurück, das ihm in jenen Schicksalstagen als letzte Bastion diente. Dort traf eine Schreckensmeldung nach der anderen ein. Unter der Führung des geschickten Diplomaten Talleyrand erklärte der französische Senat den Kaiser am 1. April für abgesetzt, während sich zeitgleich Behörden, das Bürgertum und schließlich selbst seine treuesten Marschälle – allen voran Marmont und Ney – von ihm abwandten.
Um das Überleben seiner Dynastie zu retten, bot Napoleon zunächst seine Abdankung zugunsten seines dreijährigen Sohnes, des Königs von Rom, unter der Regentschaft der Kaiserin Marie-Louise an. Als die siegreichen Monarchen der Koalition dieses Angebot jedoch unnachgiebig zurückwiesen und die bedingungslose Kapitulation forderten, beugte sich Napoleon dem unvermeidlichen Schicksal. Am 11. April 1814 unterzeichnete er im Vertrag von Fontainebleau den endgültigen Verzicht auf den Kaiserthron für sich sowie für alle seine Erben und ebnete damit den Weg für die Rückkehr der Bourbonen und sein eigenes Exil auf der Mittelmeerinsel Elba.
Napoléons Abschied von der Kaiserlichen Garde - Antoine Alphonse Montfort
23. April 1814 - Die Rückkehr des Königs
Nach dem Sturz Napoleon Bonapartes im Frühjahr 1814 stand Frankreich vor einem politischen Neuanfang, den die siegreichen sechste Koalitionsmächte maßgeblich prägen wollten. Im Zentrum des diplomatischen Geschehens zog der wandlungsfähige französische Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord im Hintergrund die Fäden. Mit geschickter Staatskunst überzeugte er sowohl die Senatoren in Paris als auch die alliierten Herrscher – allen voran den russischen Zaren Alexander I. –, dass nur die Rückkehr des alten Herrscherhauses der Bourbonen dauerhaften Frieden und Stabilität in Europa garantieren könne.
Die Wahl fiel auf Louis Stanislas Xavier, den Grafen von Provence und jüngeren Bruder des 1793 auf dem Schafott hingerichteten Königs Ludwig XVI. Am 6. und 7. April 1814 proklamierte der französische Senat den im englischen Exil lebenden Bourbonen offiziell zum König. Um den Übergang von der napoleonischen Ära zur konstitutionellen Monarchie zu unterstreichen, wurde er als Ludwig XVIII. auf den Thron berufen.
Die symbolträchtige Phase der bourbonischen Restauration fand am 23. April 1814 ihren praktischen Anfang. Nach langen Jahren des Exils im englischen Hartwell House überquerte der 58-jährige Monarch den Ärmelkanal an Bord der britischen Fregatte *Royal Sovereign*. An der nordfranzösischen Küste betrat Ludwig XVIII. im Hafen von Calais zum ersten Mal seit seiner Flucht im Jahr 1791 wieder heimischen Boden. Die Küstenstadt empfing den Monarchen mit Salut-Salven und feierlichen Empfängen, bevor dieser seinen Triumphzug in Richtung der Hauptstadt Paris fortsetzte. Mit dieser Landung begann ein politisches Experiment, das das Erbe der Revolution mit der monarchischen Tradition zu vereinen suchte.
Elba
Als Napoleon Bonaparte am 4. Mai 1814 im Hafen von Portoferraio an Land ging, betrat er nicht als gewöhnlicher Gefangener die Insel Elba, sondern als souveräner Herrscher eines winzigen Miniaturreichs. Der Vertrag von Fontainebleau hatte dem gestürzten Kaiser der Franzosen das Eiland im Mittelmeer als vererbbaren Fürstentumsbesitz zugesprochen. Anstatt sich in Bittstellerei zu üben oder in Depression zu versinken, begann Napoleon umgehend damit, sein neues Territorium mit demselben unermüdlichen Organisationstrieb zu strukturieren, mit dem er einst Europa beherrscht hatte.
In Portoferraio richtete er seinen Hauptsitz in der Palazzina dei Mulini ein, einer hoch auf den Klippen gelegenen Residenz zwischen zwei alten Befestigungsanlagen, die er nach seinen Vorstellungen umbauen ließ. Für die heißen Sommermonate zog er sich in die ruhigere Villa San Martino im Landesinneren zurück. Obwohl das Budget extrem knapp war, bestand Napoleon rigoros auf dem Zeremoniell eines kaiserlichen Hofstaats. Er richtete ein funktionierendes Hofmarschallamt ein, verteilte Ämter an seine Getreuen und veranstaltete regelmäßige Abendgesellschaften und Bälle. Der Schein kaiserlicher Würde sollte unter allen Umständen gewahrt bleiben.
Sein Gefolge war klein, aber tief ergeben. Zu den wichtigsten Persönlichkeiten seines Hofes gehörte General Henri-Gatien Bertrand, der als Großmarschall des Palastes die Verwaltung der Insel führte und für die Logistik zuständig war. General Antoine Drouot übernahm die Rolle des Gouverneurs der Insel und überwachte die militärischen Angelegenheiten, während General Pierre Cambronne die Führung der legendären Garde innehatte. Knapp eintausend Soldaten waren dem Kaiser nach Elba gefolgt, darunter hunderte Veteranen der Alten Garde, eine Einheit polnischer Lanzenreiter sowie korsische Matrosen. Auch im privaten Umfeld fand Napoleon Rückhalt: Seine Mutter Letizia Ramolino, liebevoll Madame Mère genannt, zog zu ihm nach Portoferraio, und seine Schwester Pauline Borghese brachte Leben sowie den Glanz der Pariser Salons in die abgeschiedene Inselwelt. Seine Ehefrau Marie-Louise und sein geliebter Sohn, der König von Rom, blieben ihm auf Betreiben der österreichischen Diplomatie jedoch für immer fern.
Der Tagesablauf des Kaisers auf Elba zeichnete sich durch eine fast rastlose Aktivität aus. Napoleon erwachte meist weit vor Morgengrauen, oft schon gegen drei oder vier Uhr, um Akten zu studieren und Diktate niederzuschreiben. Nach einem einfachen Frühstück brach er in den frühen Morgenstunden zu Inspektionsritten auf. Er überprüfte den Ausbau der Straßen, die Effizienz der Eisenerzminen von Rio Marina und die Hygienebedingungen in den Dörfern. Nachmittags empfing er seine Minister zur Berichterstattung und prüfte penibel die Staatsausgaben bis auf die letzte Münze. Gegen Abend nahm er nach einer kurzen Ruhephase das Abendessen im Kreis seiner Familie und Generäle ein, woraufhin nicht selten eine Partie Karten oder ein politisches Gespräch im Salon folgte, ehe er früh zu Bett ging.
Die kleine Insel wurde rasch zu einem Anziehungspunkt für Neugierige aus ganz Europa. Zahlreiche britische Aristokraten, Offiziere und Reisende nutzten die Gelegenheit, um dem einstigen Schrecken Europas persönlich aufzuwarten. Napoleon nutzte diese Audienzen geschickt, um Stimmungen auf dem Kontinent auszuloten. Ein besonders bewegender Besuch war der seiner ehemaligen Geliebten Marie Walewska, die im Spätsommer 1814 heimlich mit dem gemeinsamen Sohn Alexandre für zwei Tage nach Elba reiste. Gleichzeitig stand die Insel unter strenger Beobachtung durch alliierte Spione und den britischen Kommissar Sir Neil Campbell, der Napoleon regelmäßig besuchte, aber die Vorbereitungen für dessen Flucht im Februar 1815 letztlich nicht verhindern konnte.
Winter 1814 - Der Wiener Kongress
Nach dem Sturz Napoleons im Frühjahr 1814 stand Europa vor der gewaltigen Aufgabe, die politische und territoriale Ordnung des Kontinents grundlegend neu zu gestalten. Zu diesem Zweck kamen von September 1814 bis Juni 1815 Könige, Fürsten und Diplomaten aus nahezu allen europäischen Staaten in der österreichischen Kaiserstadt zusammen. Der Wiener Kongress entwickelte sich zum bedeutendsten diplomatischen Treffen des 19. Jahrhunderts und legte den Grundstein für eine Jahrzehnte andauernde Friedensordnung.
Obwohl der Kongress offiziell als Vollversammlung gedacht war, gab es während der gesamten neun Monate keine einzige formelle Plenarsitzung aller Delegierten. Stattdessen vollzog sich der eigentliche Ablauf in zahlreichen bilateralen Gesprächen, Ausschüssen für Spezialfragen wie Fluss-Schifffahrt oder den Sklavenhandel sowie in den informellen Runden der Großmächte. Die Fäden der Verhandlungen liefen beim österreichischen Außenminister Fürst Klemens von Metternich zusammen, der als Gastgeber und geschickter Regisseur des Kongresses fungierte.
Das Teilnehmerfeld wurde von den Siegermächten der napoleonischen Kriege dominiert. Neben Metternich prägte der britische Außenminister Lord Castlereagh die Gespräche maßgeblich mit dem Ziel, ein Mächtegleichgewicht auf dem Kontinent zu etablieren. Für Preußen verhandelten Fürst Karl August von Hardenberg und Wilhelm von Humboldt, während Zar Alexander I. persönlich in Wien anwesend war und mit expansivem Drang seine eigenen Ambitionen verfolgte. Trotz der Niederlage Frankreichs gelang es dem wandlungsfähigen französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, sein Land als gleichberechtigte Großmacht am Verhandlungstisch zu etablieren, indem er die Gegensätze zwischen den Siegern geschickt ausnutzte.
Diese Gegensätze führten in der sogenannten Polnisch-Sächsischen Frage fast zum Scheitern der Verhandlungen und an den Rand eines neuen Krieges. Zar Alexander I. beanspruchte ganz Polen für sich, während Preußen als Entschädigung das Königreich Sachsen annektieren wollte. Großbritannien und Österreich widersetzten sich diesen Forderungen vehement aus Furcht vor einer russischen oder preußischen Übermacht. Erst als Talleyrand ein geheimes Defensivbündnis zwischen Frankreich, Großbritannien und Österreich vermittelte, geling ein Kompromiss: Preußen erhielt nur einen Teil Sachsens sowie Territorien im Rheinland und in Westfalen, während Polen in Personalunion an das Russische Kaiserreich gebunden wurde.
Begleitet wurde das politische Feilschen von einem beispiellosen Rahmenprogramm, das dem Treffen das geflügelte Wort einbrachte, der Kongress tanze, aber komme nicht voran. Kaiser Franz I. von Österreich gab immense Summen aus, um die hunderte hochrangigen Gäste mit prunkvollen Abendveranstaltungen, Bällen im Redoutensaal, Schlittenfahrten, Jagden und Theateraufführungen zu unterhalten. In den Salons von Damen wie Wilhelmine von Sagan oder Dorothea von Lieven wurden nicht nur gesellschaftliche Kontakte gepflegt, sondern oft auch hochpolitische Intrigen gesponnen und Entscheidungen im inoffiziellen Rahmen vorbereitet.
Die Rückkehr Napoleons von Elba im März 1815 setzte dem gesellschaftlichen Treiben ein mendes Ende und zwang die Mächte zu rascher Einigkeit. Am 9. Juni 1815, wenige Tage vor Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo, wurde die Wiener Kongressakte unterzeichnet. Die Ergebnisse veränderten die Landkarte Europas grundlegend. Auf den Prinzipien der Restauration, Legitimität und Solidarität gründete der Kongress den Deutschen Bund als Nachfolger des Alten Reiches, verankerte die Neutralität der Schweiz und schuf ein Mächtesystem der Pentarchie, das dem Kontinent eine lange Phase relativer Stabilität bescherte.







